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Muttergefühle

 

Martina Bernsdorf

 

 

Herbst 1349

 

Es war ganz leicht, ihn zu fangen.

Judith fragte sich unwillkürlich, wie der Mann die ganze Zeit überlebt hatte, denn bei all den Fehlern, die er gemacht hatte, hätte er schon längst dem schwarzen Tod erlegen sein müssen. Vielleicht hatte er in einem abgelegenen Dorf gelebt, das weitgehend von der Pest verschont geblieben war und dem, was danach kam. Es war aber nicht möglich, dass er noch keinem der wandelnden Toten begegnet war, denn es gab ihrer inzwischen viele.

War er einer der Narren Gottes, über die der Herr bisher schützend die Hand gehalten hatte, so dass er überlebt hatte, wo so viele gestorben waren? Aber Judith wusste nicht, ob sie noch weiterhin an Gott glauben konnte, zumindest an keinen, der Anteil am Schicksal der Menschheit nahm. So blasphemisch dieser Gedanke auch war, hatte er seine Geburtsstunde in dem Grauen gehabt, das sie erlebt hatte.

Auf jeden Fall hatte er Glück, dass es hier in diesem kleinen Dorf keine Wiedergänger mehr gab, zumindest keine, die herumwandern konnten.

Es war das große Glück für die Menschheit, dass auch die wandelnden Toten sterben konnten. Und zwar nicht nur durch den gewaltvollen Tod mittels einer Axt, die den Kopf vom Körper trennte, oder eines vernichtenden Schlages auf den Schädel, der diesen spaltete, sondern durch den Mangel an Nahrung.

Vielleicht starben sie auch gar nicht. Judith war sich nicht sicher, ob man das, was die wandelnden Toten waren und taten, wirklich als Leben definieren konnte. Eigentlich waren sie ja tot und wiederauferstanden. Doch nach Frühling und Sommer, seit den ersten, langen Nächten, als der schwarze Tod über das Land gekommen war, waren viele der Wiedergänger so stark verwest und zerfallen, dass sie keine Gefahr mehr darstellten, zumindest wenn man ein wenig Vorsicht walten ließ. Wenn die Toten der Pest nicht ausreichend fraßen, begannen sie schnell zu verfaulen und irgendwann waren da keine Hände und Beine mehr, mit denen man der menschlichen Nahrungsquelle folgen oder sie gar überwältigen konnte.

Die, die herumwanderten, waren diejenigen, die noch immer ausreichend Nahrung fanden. Menschenfleisch.

Vielleicht wäre es gnädiger gewesen, wenn die Wiedergänger sich nicht auf diese Weise verringert hätten, denn dann wäre schon längst das Wiegenlied der Menschheit gesungen worden, die letzte Strophe wäre verklungen, der letzte Schrei verstummt, und die Welt wäre gänzlich eine Welt der Toten geworden.

So jedoch regierte das Chaos und die menschliche Natur forderte weiterhin das ein, was schon galt, seit Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben worden waren, den unbedingten Willen zu überleben.  

Judith betrachtete den Mann, den sie auf den Schubkarren gewuchtet und mit groben Stricken daran festgezurrt hatte, seine Handgelenke hatte sie zusätzlich mit einem dünneren Strick zusammengebunden.

Sie hatte sein Feuer schon letzte Nacht gesehen. Weit sichtbar. Jeder wandelnde Tote im Umkreis hätte den orangefarbenen Schein der Flammen auch bemerken können. Außerdem stank der Mann sehr stark.

Judith achtete darauf, ihre Kleidung oft zu wechseln, es war nicht schwierig, in all den verlassenen Häusern Kleidung zu finden. Die meisten Menschen waren Hals über Kopf vor dem schwarzen Tod geflohen und hatten dabei nur wenige Güter mit sich geführt, oder aber sie waren selbst der Pest erlegen und wiederauferstanden. In dieser neuen Existenz gab es keinen Bedarf mehr an neuer oder sauberer Kleidung.

Es war nicht ungefährlich, die scheinbar verlassenen Häuser zu durchsuchen, aber eine Notwendigkeit, der sich Judith hatte beugen müssen. Sie brauchte Nahrung, sie benötigte Kleidung. Manchmal war sie dabei auf die Toten der Pest gestoßen, die in den Häusern lauerten, fast so, als würden sie wissen, dass dies Orte waren, die das neue, scheue Wild Mensch in dieser Welt der lebenden Toten magisch anlockte.

Vielleicht war es auch nur ein Rest einer Erinnerung, daran, dass sie selbst einst an solchen Orten ihre Zeit verbracht hatten. Flackernde Erinnerungsblitze in verwesenden und verfaulenden Gehirnen. Auf jeden Fall hatte Judith im Laufe zweier Jahreszeiten gelernt, dass Wiedergänger, egal ob sie nun über Sinnesorgane verfügten oder nicht, egal ob sie Augen oder Nasen hatten, auf gewisse Reize reagierten. Alles, was sie mit ihrem früheren Leben als Mensch verband, schien sie anzulocken. Feuer. Stimmen. Schweiß.

Es war wirklich ein Wunder, dass der Mann, den sie gefangen hatte, noch nicht gefressen worden war. Eigentlich müsste er schon längst ein Haufen abgenagter Rippen und Knochen sein, denn es gab keine neuen Pestopfer mehr, seit lebende Menschen selten geworden waren. Früher waren es die Bisse der Toten gewesen, die zur Verbreitung des schwarzen Todes geführt hatten. Die Bisse, selbst wenn sie nur harmlos waren, begannen sehr schnell zu schwären, schwarze Geschwüre bildeten sich auf der Haut und hohes Fieber raffte die Befallenen binnen ein bis zwei Tagen dahin. Aber noch ehe man sie auf einen Leichenkarren legen konnte, kamen sie wieder, seelenlos, wie es schien, und unendlich hungrig nach dem Fleisch der Lebenden. Heutzutage war das menschliche Fleisch selten und wenn jemand den Wiedergängern in die Hände fiel, blieb nichts von ihm oder ihr übrig, was wiederauferstehen konnte. Zumindest war der Tod wieder zu etwas geworden, was endgültig war.

Die Priester hatten vom Jüngsten Gericht gesprochen, als der schwarze Tod über Hamburg, Judiths Heimatstadt, hereingebrochen war. Die erste der sieben Plagen sei über die Menschen hereingebrochen, und diejenigen, die das Zeichen des Tieres trügen, erkenne man an den Geschwüren, die sich auf ihrer Haut zeigten. Später, als die Toten durch die Straßen wandelten, hatten sie davon gesprochen, dass die Hölle so mit Sündern überfüllt sei, dass sich nun die Gräber öffneten, um die Brut der Hölle auszuspucken.

Judith glaubte nicht daran, obwohl sie einst eine fromme Frau gewesen war. Sie hatte zu viele Menschen sterben gesehen, die keine schlimmen Sünder gewesen waren, keine Anhänger des Antichristen. Sie hatte auch gesehen, wie sie wiederauferstanden, höllisch in ihrem Ansinnen nach menschlichem Fleisch, aber dennoch hatte kein Erdloch sie ausgespien, sondern es waren die lieben Freunde, die Verwandten und Bekannten, die kaum, dass der schwarze Tod sie dahingerafft hatte, wieder die Augen aufschlugen.

Judith blickte wieder den Mann an, den sie mühsam mit dem Schubkarren die holprige Straße entlangkarrte. Sie war froh, dass es so trocken war, denn es wäre viel schwieriger gewesen, ihn über eine schlammige, aufgeweichte Straße zu transportieren.

Es war nicht schwer gewesen, ihn zu fangen. Sie hatte in einem der Höfe auf ihn gewartet, der aussah, als könne man dort noch Nahrungsmittel finden. Im Stall, neben den Gerippen der Kühe, die hier einen grausamen Hungertod gestorben waren, nachdem die Menschen geflohen oder gestorben waren. Ein gut gezielter Wurf mit einem Stein hatte gereicht, um ihn ins Reich der Träume zu schicken.

Sein Bündel offenbarte die üblichen Utensilien eines Reisenden der neuen Welt, magere Vorräte, dafür aber einen Streitkolben sowie einen kurzen Spaten, an dessen Kante noch immer dunkles Blut und Haarreste klebten. Offenbar hatte er bisher durch Körperkraft und kämpferisches Geschick überlebt und das Glück, offenbar nie mehr als einem oder zwei Wiedergängern begegnet zu sein.

Sie hatte ihn auf den Schubkarren gebunden und den Hof dann selbst nach Nahrungsmitteln durchsucht. Viel hatte sie nicht gefunden, aber der kleine Sack Mehl war eine willkommene Beute.

Der Mann trug die Kleidung eines Mannes des gehobenen Standes, aber das musste nicht unbedingt bedeuten, dass er ein Adeliger war. Seine Gugel, die Kopfbedeckung, wie sie auch Judith trug, war eher die eines armen Mannes. Es war in dieser Zeit ein Leichtes, sich überall Kleidung zu besorgen, auch die höchsten Stände waren vor dem schwarzen Tod geflohen oder ihm selbst erlegen.

Judith trug meist keinen der teuren Stoffe edler Damen, denn sie eigneten sich oft schlechter für die langen Fußmärsche und Nächte, die sie im Freien verbrachte. Dabei war sie in Hamburg Beschließerin in einem adligen Haushalt gewesen, zwar selbst nicht von Adel, aber als Hausvorsteherin verantwortlich für alle Belange des täglichen Lebens und damit selbst hochgestellt in Rang und Ansehen.

Aber es war nicht länger von Belang, welchem Stand der Mann angehört hatte. Vielleicht gab es noch Städte, in denen Menschen lebten und Stände regierten, aber Judith war auf ihrer langen Wanderung an keinen solchen Ort mehr gelangt. Sie mied auch die großen Städte, da sie dort Horden von wandelnden Toten vermutete. Auch die kleinen Dörfer und Siedlungen waren nicht ungefährlich, aber sie hatte keine Wahl. Sie war nicht allein und die Kleinen brauchten regelmäßig Nahrung.

 Der Mann, den sie im Schubkarren vor sich herschob, schrie sie jetzt nicht mehr an, und dafür war Judith dankbar. Der Wald war nahe und vielleicht gab es doch noch den einen oder anderen Pesttoten, der von dem Geschrei vielleicht angelockt wurde. Zuerst hatte der Mann versucht, sich mit Körperkraft zu befreien, aber Judith hatte die Stricke wohl gebunden, für ihn gab es kein Entkommen.

Die Stille, die jetzt entstanden war, seitdem der Mann Ruhe gab und sich fügte, beunruhigte Judith jedoch auf unbestimmte Weise. „Woher kommt Ihr?“ Sie wusste selbst nicht, warum sie mit dem Mann sprach, aber es gab auch keinen Grund, es nicht zu tun.

Er brummte nur unwillig vor sich hin. Offenbar würdigte er sie keiner Antwort. Vielleicht war er aber auch heiser, nach all dem Geschrei und den wüsten Beschimpfungen.

„Ich war in Hamburg.“ Judith wusste nicht, warum sie das erzählte, aber sie hatte das Bedürfnis danach. „Der Schnee war noch nicht ganz geschmolzen, als dieses Schiff aus Genua anlegte. Eigentlich legte es nicht an, es stieß gegen die Kaimauern und als man an Bord ging, fand man den Steuermann am Ruder festgebunden vor. Er war tot und hatte beinahe kein Fleisch mehr an seinen Knochen. Die Männer wurden von Höllenkreaturen angegriffen, aber sie entkamen von Bord. Daraufhin zündete man das Schiff an und dachte, damit sei der Spuk beendet.“

Judith schüttelte leicht und mit weltumspannender Traurigkeit den Kopf. „Nur war es nicht so, der schwarze Tod kam mit den Männern von Bord. Manche waren verletzt, gebissen, von den Kreaturen, die sie an Bord des Schiffes angegriffen hatten. Binnen Stunden bekamen sie Fieber, schwarze Geschwüre bildeten sich auf ihrer Haut. Die Pest.“ Judith stockte kurz. „Sie starben sehr schnell, aber ehe man die Augen der Toten hätte schließen können, erwachten sie wieder. Nur dass sie nicht mehr der Mann, der Vater, der Bruder waren, sondern etwas anderes. Nur noch beseelt von dem Hunger nach Menschenfleisch, griffen sie ihre Pfleger und Liebsten an, bissen sie, steckten sie an und der schwarze Tod griff um sich wie eine Feuersbrunst.“

Der Mann sprach weiterhin nicht und Judith stieß ihn gegen die Schulter, erbost von seinem Mangel an Interesse. Über ihn war der schwarze Tod vermutlich hereingebrochen wie eine Plage Gottes. Sie wusste zumindest, wie es seinen Anfang genommen hatte.

„Viele Menschen flohen, in diesen ersten, langen Tagen, als der schwarze Tod durch die Straßen Hamburgs tanzte und überall gestorben wurde und wiederauferstanden. Manche von ihnen nahmen jedoch den schwarzen Tod mit. Das kranke Kind, der siechende Bruder, die geliebte Frau. Menschen, die gebissen worden waren und die zu sehr geliebt wurden, als dass man sie zurückließ. Die Priester taten das Ihre dazu, indem sie behaupteten, dass nur die Sünder von der Geißel des schwarzen Todes befallen werden könnten. Und wer glaubte schon, dass gerade sein geliebter Angehöriger ein Sünder sei? Und so hat sich der schwarze Tod überallhin ausgebreitet.“

Der Mann räusperte sich hart. Judith wusste nicht, ob ihre Geschichte etwas in ihm berührt hatte. Er musste selbst Wiedergängern begegnet sein, seine eigenen Erfahrungen mit dem schwarzen Tod haben.

„Ich werde Euch nichts antun, Weib! Aber löst jetzt die Stricke und lasst mich von diesem Karren herunter.“ Er versuchte freundlich zu klingen, aber seine Stimme offenbarte seine Wut und vielleicht auch ein wenig Angst.  

„Es ist nichts Persönliches, wisst Ihr.“ Judith schob den Karren weiter über die staubige Straße, die nicht mehr war als gestampfter Boden. Irgendwo sang ein Vogel.

 „Was habt Ihr mit mir vor?“ Der Mann spannte seine Muskeln an und prüfte noch einmal die Haltbarkeit der Stricke. Judith ließ ihn gewähren, sie wusste, dass er sich niemals allein befreien konnte.

 „Wir sind gleich da.“ Judith gab ihm keine Erklärung, er würde es früh genug begreifen. Sie hatte vorgesorgt und die Tür zu dem Bauernhof ganz am Dorfrand geöffnet, so dass es nicht schwierig war, den Schubkarren in das Haus zu rollen.

Es war ein kleiner Bauernhof mit einem Gemüsegarten hinter dem Haus und der Mann konnte aus dem Augenwinkel erkennen, dass sich da draußen etwas bewegte. Was hatte dieses verrückte Weib mit ihm vor?

Der Hof war wie der Rest des Dorfes verlassen. Judith karrte den Mann in die Küche.

Der Mann nahm an, dass es auch ein Schlafzimmer in diesem Haus gab, aber die Frau, die ihn gefangen hatte, hatte ihr Lager offenbar hier in der Küche aufgeschlagen, dort wo sonst das Gesinde schlief. Auf einer der Strohschütten lag ein langer Mantel und daneben auf dem Boden drei Decken. Offenbar reiste sie nicht allein.

Judith bemerkte seinen Blick auf die Decken. „Die Kinder spielen draußen, aber sie werden schon bald kommen.“ Sie sagte ihm nicht, dass sie kommen würden, weil sie ihn rochen.

„Kinder?“ Der Mann versuchte zu lächeln. „Ich bin Euch nicht böse. Es sind schwierige Zeiten und als Weib allein müsst Ihr Euch fürchten. Ich kann Euch helfen. In dieser Welt ist es besser, zusammen zu reisen, ich kann auf Euch und Eure Kinder achten.“

Judith wusste, dass er das nicht so meinte. Vielleicht hätte er es nicht einmal so gemeint, wenn er geahnt hätte, welches Schicksal ihn erwartete.

Maria war wie immer die Erste. Maria war die Anführerin, das war sie schon immer gewesen. Schon das erste Mal, als Judith sie gesehen hatte. In dem Haus, in dem sie gemeinsam mit Roland nach Nahrungsmitteln gesucht hatte.

Damals war sie noch mit anderen Menschen zusammen gereist, hatte den Fehler begangen zu glauben, dass mehr Menschen mehr Sicherheit bedeuteten, aber sie hatte seitdem dazugelernt. Maria und die anderen hatten ihr das beigebracht.

Sie hieß nicht Maria, aber sie beschwerte sich nie über diesen Namen. Ihr blondes Haar war schütter geworden, aber noch immer waren zwei kleine Seidenschleifen hineingebunden, links und rechts über den Ohren. Sie hatte noch beide Ohren und auch ihr Gesicht war vollständig.

Sie trug ein Unterhemd aus Seide, welches ebenso wie die Schleifen in ihrem Haar verriet, dass sie von hohem Stand gewesen war. Das Hemdchen war schmutzig von all dem alten, getrockneten Blut, aber Judith konnte sie nicht dazu bringen, neue Kleidung anzuziehen. Maria hatte ihren eigenen Kopf.

Ihr rechter Arm fehlte, er war oben an der Schulter aus dem Gelenk gerissen, weil einer der wandelnden Toten, die sie angegriffen hatten, den zarten Kinderarm hatte fressen wollen. Vermutlich war es in den ersten Nächten des schwarzen Todes geschehen, als viele nur gebissen und angesteckt worden waren und nicht vollständig aufgefressen.

Sie war vielleicht sieben oder acht gewesen, als sie starb. Ihr Gesicht war aschfahl und fleckig, sie fing an zu faulen, aber das würde wieder besser werden, wenn sie erst einmal ordentlich gegessen hatte. Ihre Stoffpuppe, ein weiteres Zeichen ihres einstigen Standes, schleifte über den Boden. Auch sie war schmutzig und mit dunklen Blutflecken gesprenkelt, aber Maria liebte diese Puppe. Sie hatte geweint, dunkle, stinkende Tränen, als der Puppe, die sich bei ihrer Wanderung an einer Wurzel verheddert hatte, der Kopf abgerissen wurde.

Judith hatte den Puppenkopf wieder angenäht und Maria hatte ihr dafür ein strahlendes Lächeln geschenkt, das ihr zahnlückiges Gebiss präsentierte, dem niemals Erwachsenenzähne wachsen würden. Aber sie kam mit ihren paar Milchzähnen sehr gut zurecht, auch wenn sie schwarz angelaufen waren und manchmal noch die Fasern ihrer Mahlzeiten darin hingen.

Der Mann schrie, als er Maria sah, und versuchte den Schubkarren umzukippen, aber Judith hielt den Karren im Gleichgewicht.

Bisher war Maria noch zurückhaltend. Sie sah ihn nur an, mit ihren trüben, milchweißen Augen, und lächelte, während grünlicher Sabber über ihr Kinn tropfte.

Thomas war nun auch da, zog sich geschickt auf den Armen über den Boden, während seine Oberschenkelknochen über den staubigen Boden schabten. Ein Wiedergänger hatte seine Beine abgenagt. Judith hatte schließlich die Sehnen, die die vollständig skelettierten Wadenbeine am Knie hielten, durchgeschnitten, weil Thomas besser nur mit den Oberschenkelstümpfen vorankam.

Paulus war der Letzte. Er stand schüchtern hinter Maria. Ein Teil seines Gesichts fehlte, weil ihm in die Wange gebissen worden war, wobei sein halber Kiefer freigelegt wurde. Dennoch war er einmal ein hübscher Junge gewesen, höchstens fünf Jahre alt. Er hielt wie immer sein geschnitztes Holzpferdchen in der linken Hand, das dreckstarrend und mit altem Blut besudelt war. Er ließ es nie los, auch dann nicht, wenn er fraß.

„Oh Gott!“ Der Mann stöhnte und rollte wild mit den Augen. „Das kann nicht wahr sein. Bitte, bei der Liebe Christi und aller Heiligen, befreit mich! Oder besser noch, tötet diese Höllenkreaturen!“

Judith schüttelte leicht den Kopf. Es war immer so. Sie verstanden das einfach nicht.

Maria hatte sie ausgesucht. Sie war die Anführerin und als Maria sie damals das erste Mal gesehen hatte, in dem Haus in Hamburg, hatte Judith in diesen milchigen, trüben Augen etwas gesehen, das sie bei keinem anderen Opfer des schwarzen Todes wahrgenommen hatte. Ein Gefühl. Ein Erkennen.

Roland, ein Mitglied der Stadtwache und Anführer der Überlebenden, denen sich Judith angeschlossen hatte, war weiter mit der Suche nach Nahrungsmitteln beschäftigt gewesen, ehe er die stille Gestalt gesehen hatte. Mit einem angewiderten Laut hatte er nach seinem Streitkolben gegriffen, um dem Kind damit den Schädel zu spalten.

Es hatte eine Zeit in Judiths Leben gegeben, in der sie bedauert hatte, dass es ihr nicht vergönnt war, ein eigenes Kind zu haben. Selbst mit Gott hatte sie deswegen gehadert. Sie wäre bei der Niederkunft ihres Kindes beinahe gestorben und das Kind hatte keinen Tag überlebt. Danach hatte sie kein Kind mehr empfangen können. Als der schwarze Tod über Hamburg hereingebrochen war, hatte sie darin ein Zeichen Gottes zu erkennen geglaubt. Zumindest war es ihr erspart geblieben, ihr Kind an den schwarzen Tod zu verlieren. Auch war ihr Mann schon lange auf See verschollen und all die Tränen, die sie um ihn geweint hatte, waren schon lange versiegt. Sie hatte nicht viel zu verlieren gehabt, auch wenn der Tod ihrer Herrschaften, unter den Zähnen des schwarzen Todes, sie berührt hatte.

Judith hatte unwillkürlich nach Rolands Arm gegriffen, um ihn aufzuhalten, getrieben von einem Impuls, den sie selbst nicht verstand. In jenen ersten Wochen hatte jeder getötete Wiedergänger in ihr das Gefühl ausgelöst, jemand sei erlöst worden. 

Roland hatte sie zurückgestoßen, aber als er sich wieder dem toten Kind zugewandt hatte, war es verschwunden.

Judith hatte Maria aber immer wieder gesehen. Sie hatte mit den anderen Überlebenden, die sich um Roland geschart hatten, versucht, Hamburg zu verlassen, aber in den zwei Wochen, die sie schon mit ihnen reiste, waren sie noch nicht einmal bis an den Stadtrand vorgedrungen. Judith hatte gewusst, dass es ein Fehler war, gemeinsam mit den anderen Leuten zu reisen, aber sie war müde und erschöpft gewesen und das Leben schien ohnehin keinen großen Sinn mehr gehabt zu haben. Vielleicht hatte sie den Tod gesucht.

Maria war ihnen durch die Stadt gefolgt. Judith hatte sie manchmal kurz sehen können, zwischen den Häusern, aber sie hatte immer darauf geachtet, dass keiner der anderen sie sah. Sie war nicht allein gewesen, Judith hatte auch die beiden anderen toten Kinder gesehen.

Sie hatten die Stadttore Richtung Süden beinahe erreicht, als sie auf eine Horde wandelnder Toter gestoßen waren. Sie hatten keine Chance gehabt, zumindest war es Judith so vorgekommen. Bei dem Versuch zu entkommen hatte Roland sie umgestoßen und Judith war nicht wieder auf die Beine gekommen. Sie hatte sich seitlich weggerollt und war weitergekrochen, bis zur nächsten Straßenecke. Dort hatte sie gekauert und angstvoll den Schreien gelauscht, und den anderen Geräuschen, dem Reißen, dem Schmatzen und Kauen. Sie hatte sich zu schwach gefühlt, um wegzurennen, auch wenn sie wusste, dass sie damit ihre einzige Chance vergab zu entkommen.

Judith hatte aufgeschrien, als eine kleine, eiskalte Hand sich in ihre geschoben und sie aus nächster Nähe Marias Gesicht gesehen hatte. Die Kleine hatte nicht gesprochen, das konnte sie nicht, aber sie hatte unmissverständlich an Judiths Hand gezogen und sie war mitgegangen. Warum auch nicht? Diese Nacht hätte ihr Tod sein sollen und es war ihr egal gewesen, wer sie verschlang.

Aber Maria brachte sie nicht zu den anderen Kindern, um sie zu verspeisen. Sie alle starrten sie gierig an, aber sie griffen sie nicht an, sie versuchten nicht, sie zu beißen. Dann waren die erwachsenen wandelnden Toten gekommen und Maria, Thomas und Paulus hatten sich an sie geschmiegt. Thomas war behände an ihr hochgeklettert und hatte direkt an ihrem Hals gesabbert, aber nicht zugebissen. Maria hatte sich vor sie gestellt und Paulus sich an ihre Beine geklammert. Sie war umhüllt gewesen von dem Gestank der toten Kinder und hatte still und stumm dagestanden, während die blutbesudelte Horde von Wiedergängern an ihnen vorbeizog.

Später hatte sie sich die kümmerlichen Überreste der Menschen angesehen, mit denen sie zwei Wochen lang gereist war. Sie alle waren bis auf die Knochen abgenagt und manchmal waren die Knochen noch gespalten worden, um das Mark herauszusaugen. Nichts war übrig und Judith hatte gesehen, wie die drei toten Kinder mit bekümmerter Miene über die nackten Rippenbögen gestreichelt hatten. Danach hatten sie sich umgewandt und sie angesehen. In ihren Augen war nicht nur der Tod gewesen, da waren Gefühle gewesen, eine Forderung, ein Bund. 

Judith hatte Roland Tage später, als sie endlich die Stadtmauern Hamburgs hinter sich gelassen hatte, eingeholt. Sie hatte ihm nicht die Gelegenheit gegeben, sich von seiner Überraschung zu erholen, sondern ihm einen schweren Ast übergezogen und ihn an einem Baum festgebunden.

Dann waren die Kinder gekommen. Maria hatte gelächelt und nach ihrer Hand gegriffen, der Druck ihrer kleinen Finger war nicht stark gewesen und eiskalt, aber Judith hatte dennoch begriffen.

Sie hatte zugesehen, als sie Roland fraßen.

Judith kehrte wieder ins Hier und Jetzt zurück. Sie legte dem panisch schreienden Mann die Hand auf die Schulter. Er tat ihr leid, aber es führte kein Weg an dem vorbei, was nun geschehen würde.

„Sie gehören zu mir und ich zu ihnen.“ Judith lächelte mit einem Schulterzucken. „Sie passen auf mich auf. Ihre Sinne sind viel feiner, was die wandelnden Toten angeht, und wenn es zu viele sind, dann nimmt Maria meine Hand und führt mich auf einen sicheren Weg, oder sie führt mich zu einem einzelnen Toten, den ich dann erledigen kann. Wenn wir in eine Horde geraten, dann schützen sie mich, dann klammern sie sich an mich und überdecken meinen menschlichen Geruch.“

Der Mann starrte zu ihr auf. „Bitte helft mir! Bei Gott und allen Heiligen. Ihr seid doch ein Mensch!“

Judith strich ihm mit einem bedauernden Ausdruck in den grünen Augen über das Haar. „Es tut mir leid, aber sie sind nicht stark genug, in dieser Welt der Toten zu jagen und zu töten. Ihr wisst, wie es ist, wenn die Wiedergänger angreifen, nur die Stärksten bekommen etwas ab, nur die Stärksten fressen. Die anderen zerfallen irgendwann. Ich weiß nicht, was es ist, vielleicht passen sich Kinder dem schwarzen Tod besser an als die Erwachsenen. In deren Augen habe ich bisher nur Hunger und seelenlose Gier erkennen können. Aber Maria, Thomas und Paulus können denken, sie können fühlen und sie brauchen mich.“ Sie lächelte den Kindern zu. „Sie brauchen eine Mutter.“

„Nein!“ Der Mann schrie, während die Kinder näher kamen.

„Es ist nichts Persönliches“, erklärte Judith dem Mann sanft. Maria schenkte ihr ein Lächeln, ehe sie ihre Zähne in das weiche Fleisch des Mannes bohrte.

„Sie haben nur Hunger.“ Judith betrachtete, wie die drei Kinder an dem Mann rissen, dessen Schreie langsam leiser wurden, während Blut in seiner Kehle aufstieg und ihn verstummen ließ. Ihre Kinder waren gute Esser, es wurde kein weiteres Opfer des schwarzen Todes geben, kein neuer wandelnder Toter, sie wurden nichts verschwenden, nichts übrig lassen.

„Sie sind meine Kinder.“ Judith wusste nicht, warum sie das sagte, als würde es alles erklären. Vielleicht weil es alles erklärte.

 

Ende