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Bei Schokolade Mord!

Der Bittersüß-Club

 

 

 

 

Lektorat: Jutta Swietlinski

Text Copyright © 2014 Martina Bernsdorf

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

 

Gewidmet meiner Frau

 

und dunkler Schokolade

 

 

 

 

 

Prolog

 

„James weiß wirklich, wie man einem den Tag versaut.“ Eleanors Stimme verriet viel von ihrem Verdruss.

Helen konnte das gut nachvollziehen. James Whitmoore verbreitete diesen Effekt normalerweise schneller, als Grippeviren sich in einer Schulklasse ausbreiteten. Jetzt jedoch kam ihr Eleanors Kommentar herzlos vor.

Schließlich lag James Whitmoore, Bürgermeister des kleinen Dorfes Willowdale, ziemlich tot auf dem Fußboden des Bürgerzentrums.

Genaugenommen lag er in der Küche des Bürgerzentrums, die Helen und ihre Freundinnen vom Bittersüß-Club für ihre Treffen und vor allem zum Zubereiten ihrer wunderbaren Schokoladenkreationen benutzten.

Um den schwergewichtigen Mann, der dort ausgestreckt auf dem Boden lag, waren Harriets Minztrüffel verteilt, aber nicht nur von diesen Köstlichkeiten lag ein Teil auf dem Boden, sondern ebenfalls Süßigkeiten der anderen Clubmitglieder.

„Musst du nicht eine Mund-zu-Mund-Beatmung oder so etwas machen?“ Harriet hatte ihre Hände sorgenvoll vor die Brust gezogen, fast so, wie sie es immer tat, wenn sie bei einem gemeinsamen Filmabend einen Horrorfilm schauten. Ihrer Stimme konnte man anhören, dass sie dieses Ansinnen zwar für notwendig erachtete, aber es gleichzeitig eklig fand.

James Whitmoore zu beatmen hätte Helens Ekelgrenze bei weitem überschritten, aber als Ärztin wäre sie dazu verpflichtet gewesen, auch wenn sie sich der Augenmedizin verschrieben hatte.

Ihre Freude darüber, dass James offensichtlich schon lange genug tot war, um einen Wiederbelebungsversuch absurd erscheinen zu lassen, beschämte Helen.

„Er ist schon mindestens ein, zwei Stunden tot, da kann man nichts mehr machen.“ Helen blickte zu den Frauen auf, die sich in einem lockeren Halbkreis um den toten Mann versammelt hatten.

Niemand wirkte betroffen oder überrascht darüber, den Bürgermeister hier tot auf dem Boden ausgestreckt aufzufinden.

James Whitmoore war weder sonderlich beliebt, noch sah er so aus, als wäre er ein Gesundheitsfanatiker gewesen. In Wahrheit lag er da wie ein gestrandeter Wal.

Sein gewaltiger Bauch wölbte sich über dem Gürtel. Angesichts seines cholerischen Wesens, seines Alters und Übergewichts hatten die Bewohner von Willowdale schon lange damit gerechnet, dass ihn eines Tages der Schlag oder ein Herzinfarkt dahinraffen würde. In Wahrheit hatten die meisten Leute des Ortes schon lange darauf gehofft, dass Whitmoore endlich dahingerafft wurde.

Helen wäre es jedoch beachtlich lieber gewesen, wenn es nicht ausgerechnet hier passiert wäre. In der Küche des Gemeindezentrums, umgeben von den Trüffeln, Pralinen und Schokoladenblättern, die ihr Club hergestellt hatte.

Es war kein Geheimnis, dass Whitmoore sich immer an ihren Schokoladenkunstwerken bedient hatte.

Niemand von ihnen hatte zu Hause eine Küche, die groß genug war, dass darin fünf Personen gleichzeitig hantieren konnten, noch dazu mit einem solch aufwendigen und charaktervollen Grundstoff wie Schokolade.

Schokolade verlangte Aufmerksamkeit, Fürsorge und Geduld, darin waren sich alle Mitglieder des Clubs einig.

Die Küche des Gemeindezentrums eignete sich hervorragend für ihre Bedürfnisse. Dass sie dem Club zur Verfügung gestellt wurde, verlangte neben der Miete, die sie dafür bezahlten, ebenso das stillschweigende Hinnehmen von Whitmoores Verkostungen.

Hätten sie sich je darüber beschwert, hätte James einfach behauptet, es wäre nicht mehr möglich, dass sie die Küche für ihren Club benutzten. Whitmoore hatte sich zwar Bürgermeister genannt, aber Helen hätte sogar Despot für passend gehalten. Zumindest hatte er sich immer so aufgeführt.

Obwohl ihr Schokoladenclub nur aus vier Personen bestand, waren sie zu fünft in der Küche. Gladys näherte sich bereits dem stolzen Alter von 92 Jahren, damit war sie das bei weitem älteste Mitglied des Clubs. Womit Jane, ihre Haushälterin, eine Sonderstellung einnahm. Sie gehörte nicht richtig zum Club und ihre Leidenschaft für das braune Gold war nicht so stark wie die der anderen, aber Gladys wurde langsam zittrig und die ganzen Handgriffe, die es zu tun galt, übernahm nun Jane für sie.

Jane war, genau wie Harriet, Eleanor und Helen Anfang sechzig und eigentlich war sie mehr Gladys‘ Gesellschafterin und Freundin als ihre Hausangestellte.

Helen konnte sich nicht genau daran erinnern, wann Jane zu Gladys gekommen war, aber es mussten seitdem mindestens dreißig Jahre vergangen sein.

„Was machen wir jetzt mit dem Kerl?“ Eleanor lehnte sich lässig gegen eine Küchenanrichte. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie James keine Träne nachweinte. Helen konnte das verstehen, sie nahm an, dass es niemand gab, der das tat oder tun würde. Nicht einmal Whitmoores eigene Familie.

„Ich nehme an, wir müssen Phil vom Beerdigungsinstitut anrufen.“ Gladys war schon eine Weile gut befreundet mit dem Beerdigungsunternehmer. In ihrem Alter fand sie es beruhigend, wenn sie auf gutem Fuß mit dem Menschen stand, der ihr eines nicht mehr so fernen Tages sehr intim nahekommen würde.

Helen kauerte immer noch neben James.

Sie hatten am frühen Nachmittag die Küche verlassen, um die Schokolade auskühlen zu lassen. Es war eine Tradition des Clubs, dass sie sich nach getaner Arbeit eine Weile zurückzogen. Am späten Nachmittag trafen sie sich dann wieder, um die Köstlichkeiten, die sie zubereitet hatten, gemeinsam zu verkosten. Nicht ohne dabei eine Menge zu fachsimpeln und ihre Kreationen gegenseitig zu loben.

Das ergab ein Zeitfenster von ungefähr drei Stunden, die Whitmoore wahrscheinlich schon hier lag. Es war kühl im Raum und Whitmoores Haut, die Helen berührt hatte, um nach seinem Puls zu tasten, war schon ziemlich ausgekühlt gewesen.

„Ich habe vergessen, die Tür hinter mir zuzumachen.“ Harriet schlug sich die Hand vor den Mund, als hätte sie ein schlimmes Sakrileg begangen.

Bum-Bum war es offenbar langweilig im Nebenraum geworden, den die Damen zu ihrer geselligen Runde benutzten. Da niemand die Türen geschlossen hatte, war die afrikanische Riesenhamsterratte zu dem Schluss gekommen, dass sie selbst mal nachschauen wollte, wo denn seine Unterhaltung und nicht zuletzt die erhofften und erwarteten Leckerbissen blieben.

Helen hatte Bum-Bum vor einigen Jahren in Mosambik, bei einem ihrer Einsätze als Ärztin ohne Grenzen, geschenkt bekommen. Bum-Bum hatte dort als Herorat gearbeitet, wie man die Ratten nannte, die darauf trainiert waren, Landminen aufzuspüren. Helen war von den riesigen Ratten schwer beeindruckt gewesen und hatte sich sofort in die süßen Knopfaugen von Bum-Bum verliebt.

Insbesondere, weil die Ratte eine Vorliebe mit Helen gemeinsam hatte: die für Schokolade.

Zwar nahm Helen an, dass Bum-Bum, genau wie seine Artgenossen, sehr viele Lieblingsspeisen hatte. Aber er war immer besonders anhänglich ihr gegenüber gewesen. Vermutlich, weil er riechen konnte, dass sie immer Schokolade bei sich trug, von der sie oft einen kleinen Teil an ihn abtrat.

Angesichts dieser Liebe auf den ersten Blick, oder Liebe auf den ersten Schokoladenriegel, hatte das ganze Lager darüber gelacht, dass Bum-Bum Helen folgte wie ein Schoßhündchen. Schließlich hatte man ihn ihr geschenkt und Helen hatte Bum-Bum mit nach England gebracht, nach Willowdale und obendrein mit in den Schokoladenclub.

Eigentlich hatte Bum-Bum in der Küche nichts zu suchen, was er genau wusste, aber offene Türen bedeuteten eine Einladung. Außerdem hatte er die Aufregung der Frauen gerochen und lief jetzt zwischen Whitmoores Beinen herum.

Bum-Bum war gut erzogen, was bedeutete, er wäre nie auf die Tische gesprungen, um sich dort unerlaubt an den Köstlichkeiten zu bedienen, aber Dinge, die auf den Boden lagen, definierte Bum-Bum eindeutig als extra für ihn dort hingelegt.

Und auf dem Boden lagen momentan eine ganze Menge dunkelbrauner, mittelbrauner und zart hellbrauner Schokoladenköstlichkeiten. Ein wahres Paradies für eine Riesenhamsterratte.

Allerdings schnupperte der rotbraune Bum-Bum nur an den Trüffeln, die direkt neben James Leiche lagen. Er trippelte mit einem Ausdruck, den Helen als Enttäuschung beschrieben hätte, weiter und nahm die anderen Schokoladenstücke in Augenschein. Oder, wie Helen annahm, in Nasenschein. Denn Bum-Bum verließ sich sehr viel mehr auf seine Nase als auf die Augen. In Afrika setzte man solche Ratten inzwischen dazu ein, Tuberkulose zu erschnüffeln.Ihr Geruchssinn stand Hunden in nichts nach und sie waren, zumindest Helens Ansicht nach, viel schlauer als Hunde.

In Afrika waren wohl eher ihre niedrigen Haltungskosten von Bedeutung, aber Helen sah das völlig anders. Dass Bum-Bum sich nicht auf die Pralinen und Trüffel stürzte, war merkwürdig. Sogar ausgesprochen beunruhigend, wenn sie es recht bedachte.

Bum-Bum schnüffelte an den Pralinen, biss aber in keine einzige hinein. Stattdessen zog sich die Ratte zurück, mit einem Ausdruck, den Helen als beleidigt definiert hätte.

Die anderen Frauen hatten nicht auf Bum-Bum geachtet, sie überlegten noch immer, wen man nun zuerst anrufen sollte.

„Jemand muss den armen Peter verständigen.“ Harriet rang noch immer die Hände.

Eleanor schnaubte durch die Nasenlöcher. „Der ist ja noch dümmer, als sein Vater es war. Er wird die gute Nachricht früh genug bekommen.“

Harriet sah Eleanor mit einem halb beleidigten, halb entsetzten Blick an. „Sei nicht so gemein. Peter ist ein netter Mann.“

Eleanor verdrehte nur die Augen. Die Whitmooresippe konnte ihr gestohlen bleiben. Sie griff nach einem der Cranberryhäppchen von Helen. Feinste dunkle Schokolade umhüllte die säuerlichen, roten Früchte und Eleanor sah nicht ein, sich von James Whitmoore ihren Genuss verderben zu lassen.

„Ich finde es pietätlos, jetzt Schokolade zu essen.“ Jane betrachtete Eleanor mit einem strengen Blick.

Strenge Blicke waren eine Spezialität von Jane Davis, das musste man neidlos eingestehen. Selbst Eleanor, die sich gerne rebellisch und zynisch gab, ließ sich davon beeindrucken.

Jane erinnerte sie an eine Lehrerin aus dem Internat, auf dem sie als Mädchen gewesen war. Streng, aber fair, und man kam nicht umhin, ihre Autorität anzuerkennen. Allerdings war Jane nur Gladys‘ Haushälterin und Freundin und deswegen rümpfte Eleanor jetzt die Nase. Sie würde sich doch von Jane nichts vorschreiben lassen.

Doch ehe sie erneut nach der Süßigkeit greifen konnte, erklärte Helen mit merkwürdig leiser und zittrigen Stimme, die so gar nicht zu ihrem sonstigen Selbst zu gehören schien: „Wir sollten alles so stehen und liegen lassen, wie es ist.“

Eleanor hob fragend eine Augenbraue. Dieses Mienenspiel beherrschte sie perfekt. Sie blickte zu Helen hinab, die noch immer neben Whitmoores Leiche kauerte. Die Ärztin schnupperte sogar an seinem Mund, womit sie eine gute Parodie ihres merkwürdigen Haustieres abgab, wie Eleanor fand.

Dann hob sie eines von James‘ Augenlidern an und sah zu ihren Freundinnen auf. Helen wirkte blasser als üblich und die Sommersprossen auf ihrer hellen Haut zeichneten sich so deutlich ab, als hätte jemand sie aufgemalt.

„Wir sollten als Erstes die Polizei rufen.“ Helens Stimme machte Eleanor Angst. Sie warf einen schnellen Blick zu Gladys. Sie war so viel älter als sie alle und immer der Fels in der Brandung für sie alle gewesen.

„Polizei?“ Gladys stützte sich stärker auf ihren Stock, den sie erst seit diesem Jahr benutzte. Es hatte Jane, unterstützt von Helen, viel Überzeugungskunst gekostet, die alte Frau dazu zu bringen, ihn anzunehmen.

Eleanor stellte erstaunt fest, dass sie Gladys zum ersten Mal wirklich als alte Frau wahrnahm. Gladys sah ein wenig aus wie Katherine Hepburn, groß und knochig. Immer sehr aufrecht, immer sehr dominant, aber jetzt wirkte sie mit einem Mal eingefallen und gebeugt.

„Ja, ich glaube, James ist ermordet worden.“ Helen starrte auf die verschiedenen Schokoladenpralinen auf dem Boden. Dass Bum-Bum sie verschmäht hatte, war ein mehr als deutliches Zeichen. Whitmoore roch nicht nach Bittermandel, aber seine Pupillen waren extrem erweitert.

So extrem, dass Helen beinahe sicher war, womit man ihn vergiftet hatte. Aber diese Vermutung beschloss sie vorerst für sich zu behalten.

Sie blickte auf und sah von einem erschrockenen Gesicht zum anderen. „Ich glaube, man hat ihn vergiftet und ich fürchte, das Gift ist in unseren Schokoladenkreationen.“

Eleanor starrte auf ihre Fingerspitzen, an denen Schokolade klebte, und blickte dann wieder zu der hingestreckten Gestalt des Bürgermeisters.

„Verdammt“, erklärte sie mit untypisch leiser Stimme und Helen konnte ihr nur zustimmen.

Verdammt.

 

 

1

 

„Na, wenn das mal nicht der Arsch der Welt ist.“ Meg Rutherfords Stimme ließ es nicht an Frustration mangeln.

Tom Stevens hätte sich nie getraut, solche Worte in Anwesenheit seiner über alle Maßen verehrten Chief Inspector zu sagen, aber wenn sie es schon selbst sagte, konnte er zustimmen, und das aus vollem Herzen.

„Da hast du völlig Recht, Meg. Hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht.“ Er fühlte sich immer noch sehr geehrt, dass Meg Rutherford ihm erlaubte, sie mit dem Vornamen anzusprechen.

Sie hatten bereits in einigen Fälle gemeinsam ermittelt, aber dabei war er immer nur einer von vielen Mitarbeitern gewesen, noch dazu nur ein rangniederer Detective Sergeant. Doch jetzt, auf der langen Fahrt nach Willowdale, hatte er sie ganz für sich allein. Eigentlich war dieser Auftrag unter der Würde einer Frau wie Meg Rutherford. Immerhin war sie ein Chief Inspector und die Sache in diesem gottverlassenen Dorf war eigentlich Ermittlungsarbeit für einen Inspector, vielleicht sogar nur für einen Sergeant.

Doch Chief Superintendent John Sullivan war der Meinung gewesen, dass so eine harmlose, kleine Ermittlung, die nur gute alte Polizeiarbeit erforderte, Verhöre und Beobachtungen, genau das Richtige für Meg sei. Es wurde gemunkelt, dass sie gerade erst eine höchst unfreundliche Scheidung hinter sich hatte und der Chief sie deshalb schonen wollte.

Tom war das völlig gleichgültig. Hauptsache, er konnte mit Meg zusammen sein, mit ihr gemeinsam ermitteln. Dafür nahm er in Kauf, in ein Dorf geschickt zu werden, von dem er noch nie gehört hatte. Dabei hatte er gedacht, alle Ortschaften in der South East Region zu kennen, vor allem jene, die zum Einzugsgebiet der Surrey Police gehörten.

Er lenkte den Wagen über das schlaglochverseuchte Pflaster der Holperpiste, die wohl die Hauptstraße von Willowdale darstellte.

Meg Rutherford blickte gelangweilt aus dem Fenster. Grün. Braun. Bauernhof. Bäume. Felder. Schafe.

„Nett hier“, erklärte sie mit melancholischer Stimme. „Zumindest wenn man ein Schaf ist.“

Tom lachte über ihre Worte, die Meg lahm vorkamen. Aber der junge Mann mit dem unbändigen roten Haarschopf war wohl ein dankbarer Kunde, was lahme Witze anging.

Sie war nicht gerade begeistert über den Auftrag. Aber andererseits war es gut, aus der Stadt herauszukommen. Die Scheidung von Paul war jetzt rechtskräftig und Meg konnte noch immer nicht glauben, dass alles so böse und hart zwischen ihnen geendet hatte. Eigentlich hatten sie sich eine anständige Trennung vorgenommen, hatten Freunde bleiben wollen. Aber irgendwo auf diesem Weg waren sie grandios gescheitert. Am Ende hatten sie um jede beschissene Kaffeetasse gestritten.

Abstand tat gut und nur ein so kleines Team zu leiten, würde nicht viel von ihr fordern. Zudem war Tom ein lieber Kerl. Kein schlechter Polizist, auch wenn er dringend abnehmen musste, weil er sonst durch die nächste Gesundheitsprüfung rasseln würde.

Den Giftmord am Bürgermeister dieses kleinen Dorfes aufzuklären, das kaum mehr als dreitausend Seelen bewohnten, konnte eigentlich nicht so schwierig sein.

Gute Ermittlungsarbeit würde rasch ans Ziel führen, sofern nicht jemand gleich gestand. Die meisten Morde wurden ohnehin von Menschen begangen, die dem Opfer nahegestanden hatten. In vielen Fällen war es sogar so, dass der Mörder oder die Mörderin noch am Tatort stand, die Hände rang und mit einem verstörten Blick in die Welt schaute, der besagte, dass er oder sie keine Ahnung hatte, wie all das hatte passieren können. Allerdings war das hier nicht der Fall, Giftmorde waren selten Affekthandlungen.

Meg richtete den Blick wieder auf das ländliche Idyll. An so einem Ort kannten sich die Menschen. Hier waren viele gut miteinander befreundet, nahm Meg an. Vermutlich war der Bürgermeister bei allen sehr beliebt gewesen und wenn sie jemanden fand, der ihn nicht gemocht hatte oder gar einen Grund hatte, ihm zu hassen, hatte sie vielleicht schon den Täter. Ein gutes Motiv zu finden, war oftmals der Schlüssel zu einer schnellen und erfolgreichen Ermittlung.

Es war nicht weiter schwierig, das Haus von Helen Graham zu finden. Es wäre nicht nötig gewesen, im Gasthaus danach zu fragen. Allerdings hatte Toms Magen so nachhaltig gegrollt, dass Meg Erbarmen mit ihm gehabt hatte.

Dorfgasthäuser waren gute Quellen für Tratsch und Klatsch. Meg war nicht enttäuscht worden. Der Briefträger, der dort seine Mahlzeit und sein Bier zu sich nahm, Megs Ansicht nach nicht sein erstes an diesem Tag, hatte sie mit mehr als genug Informationen versorgt.

Meg hatte nur einen Salat bestellt, womit sie sich einen sehr verblüfften Blick der Bedienung eingehandelt hatte. Die Speisekarte war nicht sonderlich lang und man hielt hier offenbar nicht viel von Speisen, die nicht von Fleisch und Fett überquollen.

Toms Augen hatten erfreut aufgeleuchtet und er hatte sich eine Schlachtplatte kommen lassen, die er, nachdem Meg ihn mit einem entsetzten Blick gemustert hatte, schuldbewusst, aber dennoch gierig verschlungen hatte.

Sie selbst hatte nur in ihrem Salat herumgestochert. Sie hatte seit der ganzen miesen Scheidungsgeschichte mehrere Kilo abgenommen und dabei war sie schon immer sehr schlank gewesen.

Helen Grahams Landhaus lag am Ende des Dorfes, auf einem der sanften Hügel erbaut, die diese Gegend prägten. Tom hielt den Dienstwagen vor der Hecke aus Kirschlorbeer an, die den weitläufigen Garten des Landhauses umgab.

Meg stellte, nachdem sie aus dem Wagen gestiegen war, fest, dass man von hier einen guten Blick auf das Dorf und die angrenzenden Bauernhöfe hatte.

Eine landschaftliche Idylle, der nicht einmal sie, die das Großstadtleben bevorzugte, sich völlig entziehen konnte. Sie fragte sich unwillkürlich, wie das Dorf zu seinem Namen gekommen war, denn selbst von dieser Position aus konnte sie keine einzige Weide ausmachen.

Vermutlich gab es niemand im Dorf, der nicht eine lange und wirre Geschichte über den Namen zum Besten geben konnte, aber Meg wollte ganz andere Fragen stellen. Schließlich war sie nicht zur Sommerfrische hier, sondern um einen Mörder oder eine Mörderin dingfest zu machen.

Sie warf einen letzten Blick auf das Dorf mit seinen Landhäusern und modernisierten, adretten Cottages, ehe sie sich dem schmiedeeisernen Tor zuwandte.

Tom suchte nach einer Klingel, aber da er keine finden konnte, drückte er mit einem Schulterzucken in Megs Richtung die Klinke herunter. Das Tor war unverschlossen und die beiden Polizisten traten, nachdem sie noch einen Blick getauscht hatten, ein. Meg nahm an, dass niemand in dieser ländlichen Gegend dies als unerlaubtes Eindringen definieren würde.

Sie schmunzelte unwillkürlich, als Tom sich aufmerksam im Garten umsah. Er hatte den Teil des Gesprächs mit dem Postboten, in dem es um die skandalösen Vorgänge hinter den Hecken ging, offenbar nicht vergessen.

Meg sah, wie er verblüfft etwas anstarrte, und folgte seinem Blick. Der Garten war gepflegt, allerdings von jemand, der offenbar ein gewisses Maß an Wildheit bevorzugte. Der Ausdruck kultivierte Verwahrlosung kam Meg dabei in den Sinn.

Allerdings war Tom nicht deswegen verblüfft. Sondern wegen des Schafes. Meg kam selbst nicht umhin, ungläubig zu starren. Oder lag es an der monströsen Ratte, die auf dem Rücken des Tieres saß, als gehöre sie dorthin?

Es war eines, dass in einem Garten ein Schaf graste, damit konnte man in dieser Gegend ja noch rechnen. Aber das mit der Ratte war skurril und ließ Meg unwillkürlich an ihrer Wahrnehmung zweifeln.

Zumal sie so eine Ratte noch nie gesehen hatte. Sie musste gut und gerne eineinhalb Meter groß sein, mit ihrem langen, nackten Schwanz. Außerdem hatte sie sehr große Ohren, ihr rotbraunes Fell glänzte im Sonnenschein und die langen Schnurrhaare zuckten, als wittere sie.

Das Schaf war ebenfalls ungewöhnlich, mit seiner dunkelbraunen Wolle, den großen, gebogenen Hörnern und dem schwarzen Gesicht. Augen und Maul wurden von weißem Fell umrahmt. Es schien erstaunlicherweise kein Problem damit zu haben, dass auf seinem Rücken eine gigantische, fette Ratte saß.

„Ein Soayschaf. Die sollen schon die Wikinger zu uns gebracht haben.“ Tom verblüffte Meg mit seinem Wissen und er wurde unter ihrem prüfenden Blick rot. „Es gibt viele Leute, die diese Rasse privat züchten, habe ich gelesen.“

Meg hob eine Augenbraue. „Und die Ratte? Weißt du, was das für eine Sorte sein soll? Ich habe so ein Monstervieh auf jeden Fall noch nie gesehen.“

Tom schüttelte den Kopf.

„Bum-Bum ist eine Riesenhamsterratte.“ Die Stimme hinter ihrem Rücken ließ Tom und Meg um die eigene Achse wirbeln. Hinter ihnen stand eine attraktive Frau, die Meg für fünfzig gehalten hätte, wenn sie nicht gewusst hätte, dass Helen Graham zweiundsechzig war.

„Aha.“ Meg fragte sich unwillkürlich, was ein Schaf und eine Riesenratte mit ihrer zirkusreifen Nummer in dem Garten einer englischen Augenärztin zu suchen hatten.

Bislang war sie geneigt gewesen, einiges von dem Geschwätz des Postboten als Unsinn abzutun, aber jetzt sah die Sache schon anders aus. Allerdings hatte er nichts von einer Monsterratte erwähnt.

„Chief Inspector Rutherford.“ Meg schüttelte ihre Verwunderung ab und deutete zu Tom. „Detective Sergeant Stevens.“

„Dr. Helen Graham. Darf ich Ihre Marken sehen?“ Helen verlieh ihrer Stimme einen gutmütigen Tonfall, aber sie zweifelte nicht daran, dass in ihren grünen Augen Ärger aufblitzte. Sie hätte es zu schätzen gewusst, wenn die Polizisten sich angemeldet hätten. Selbst in Willowdale funktionierten Mobiltelefone.

„Natürlich.“ Meg zückte ihre Dienstmarke und Tom folgte ihrem Beispiel. Die Frau betrachtete die Ausweise genau und Meg sah, wie sich ihre Lippen zu einem Lächeln kräuselten.

„Margaret Rutherford, ich nehme an, mit diesem Namen hatten Sie in Ihrem Beruf schon einigen Spaß.“ Helen hatte natürlich die Miss-Marple-Filme gesehen und wie für viele Fans der Agatha-Christie-Figur war für sie die einzig wahre Miss-Marple-Darstellerin Margaret Rutherford gewesen. Mit dieser Namensgleichheit forderte die Ermittlerin viele Kommentare heraus.

„Das kann man wohl sagen.“ Meg gab sich kurz angebunden. Ihr Humorzentrum hatte unter der Scheidung gelitten und zu ihrem Namen hatte sie ohnehin schon tausendmal die gleichen Witze und Vergleiche gehört.

„Ich nehme an, Sie haben einige Fragen an mich. Ich schlage vor, wir gehen dazu ins Haus.“ Helen sah, dass der rothaarige junge Mann sich noch einmal suchend im Garten umschaute.

„Sind Sie immer noch nicht über meine Haustiere hinweg, Detective Sergeant? Oder suchen Sie nach der nackten Frau?“ Helen sah, dass die Gesichtsfarbe des Mannes sich seiner Haarfarbe annäherte. Damit war alles klar. Ganz offensichtlich waren die Polizisten schon mitten in ihren Ermittlungen. Und wo hätten sie sonst anfangen sollen, als im Klatsch- und Tratschzentrum von Willowdale? Der Goldene Schafsbock beherbergte um diese Tageszeit jede Menge Schwätzer.

„Ich, ich …“ Tom stotterte bei dem Versuch, sich aus der Affäre zu ziehen, doch ihm fiel keine gute Ausrede ein.

„Stammen Ihre Informationen vom Tisch der alten Schwätzer oder hat der Postbote, seinen Mund nicht halten können?“ In Helens Stimme klang Verdrossenheit mit.

„Mr. Miller, der Postbote“, gab Meg zu. Sie beobachtete die Reaktion der Ärztin, die sich mit einem leisen Seufzen eine ihrer dichten Locken zurückstrich. Ihr Haar war kastanienbraun, bis auf einige graue Strähnen darin. Offenbar mochte sie den Tratsch über sich nicht, hatte sich aber damit abgefunden. In einem Dorf wie diesem hatte sie wohl keine Wahl gehabt. In einer Großstadt wären ihre Lebensumstände sicherlich weniger beachtet worden, aber nicht hier.

„Meine Frau hüpft nur selten nackt durch den Garten. Außerdem war sie damals blau angemalt und hat Körperabdrucke auf Leinwand gemacht. Sie ist Künstlerin.“ Helen wünschte sich nur selten, dass Athena weniger exzentrisch wäre, aber die Geschichte mit der nackten, blauen Frau im Garten fiel doch in diese Kategorie.

„Es, es tut mir leid. Ich wollte nicht …“, stammelte Tom verlegen. Er wusste nicht, was er sagen sollte, wollte aber auf keinen Fall wie ein sexistischer Trottel wirken. Weder vor der Ärztin noch vor Meg – vor ihr erst recht nicht.

Helen winkte ab. „Schon gut, Sergeant Stevens. Dieses Dorf ist nun mal, wie es ist. Diese Geschichte wäre Ihnen früher oder später ohnehin zugetragen worden.“ Helen musterte die attraktive Ermittlerin mit dem modernen, platinblonden Kurzhaarschnitt. Sie sah ein wenig aus wie Annie Lennox in den Anfangszeiten der Eurythmics.

„Ich gehe mal davon aus, dass man Ihnen erzählt hat, dass ich Bürgermeister Whitmoore gehasst habe und jeden Grund gehabt hätte, ihn umzubringen.“ Helen sagte das in einem völlig nüchternen Tonfall.

Meg hob eine Augenbraue. „Und haben Sie ihn umgebracht?“

Helen sah in die stahlblauen Augen der Ermittlerin und lachte dann. Ein sehr sympathisches Lachen, wie Meg feststellte, warm und freundlich. Es brachte die vielen Lachfältchen an Helens Augen zum Vorschein und ließ sie aufblitzen.

„So einfach wollen wir es Ihnen doch nicht machen, Inspector. Ein Geständnis, noch bevor ich Sie überhaupt ins Haus gebeten habe?“ Während sie voranging, schüttelte sie den Kopf und warf Meg über die Schulter einen Blick zu. „Haben Sie mit der Methode eigentlich schon einmal Erfolg gehabt?“

Meg lächelte ebenfalls. „Berufsgeheimnis, Dr. Graham.“ Tatsächlich hatte sie es schon erlebt, dass manch einer auf eine direkte und überrumpelnde Frage hin ein Geständnis abgelegt hatte. Allerdings hätte es sie in Helens Fall sehr überrascht. Als Polizistin musste man sich an Fakten und Indizien halten. Dennoch entwickelte man einen Instinkt. Helen Graham wirkte nicht wie eine Mörderin und sie benahm sich nicht wie jemand, der fürchtete, entlarvt zu werden. Ihre Gelassenheit war beinahe verdächtig, denn die meisten Menschen neigten dazu, sehr nervös zu werden, wenn sie es mit der Mordkommission zu tun bekamen.

Allerdings hatte Meg schon Menschen überführt, die ihr sympathisch gewesen waren. Es gab keinen Menschen auf dieser Welt, der nicht fähig wäre, einen Mord zu begehen. Davon war Meg überzeugt und sie nahm sich selbst in keiner Weise aus.

Das Innere des Landhauses war ausgesprochen geschmackvoll eingerichtet, das Haus war mit sehr viel Liebe und, wie Meg annahm, einem üppigen Bankkonto ausgestattet worden. Das Landhaus musste alt sein, aber es war renoviert und mit viel hellem Holz ausgestattet worden. An den Wänden hingen Bilder in kräftigen Farben. Es dominierten Gemälde von Frauen, die alle die gleiche kraftvolle und farbenreiche Tiefe aufwiesen. Meg nahm an, dass Athena Jones sie gemalt hatte, die Lebensgefährtin der Ärztin. Meg hatte im Vorfeld nur eine sehr kurze Recherche über das Internet laufen lassen. Sie ging gerne unvoreingenommen in eine Ermittlung. Über Dr. Graham gab es eine ganze Menge Einträge, während sie über Gladys Seward gar nichts im Net hatte finden können.

Es überraschte Meg immer noch, dass jemand wie Dr. Graham, die bis vor kurzem noch in einer der nobelsten Privatkliniken des Landes praktiziert hatte und deren Engagement für Ärzte ohne Grenzen oft erwähnt und gelobt worden war, ausgerechnet in einem solch kleinen Dorf wohnte.

Der Verweis auf Athena Jones war nicht schwierig zu finden gewesen, da sich beide in der schwullesbischen Comunity einsetzten. Noch erstaunlicher als die Tatsache, dass eine so renommierte Ärztin hier lebte, war, dass eine exaltierte Künstlerin ihr in dieses Kuhkaff gefolgt war.

Athena Jones‘ Gemälde hingen in angesehenen Kunstgalerien im ganzen Land. Besonders in feministischen Kreisen war sie sehr beliebt.

Der Klatsch des Postboten hatte darauf hingedeutet, dass die beiden Frauen keinen Hehl aus ihrer Liebesbeziehung machten. Meg hatte keine Vorurteile gegenüber Homosexuellen, allerdings wunderte es sie sehr, dass jemand mit dieser Lebensweise freiwillig in solch einer Gegend lebte.

Dr. Graham führte sie in eine traumhaft schöne Bibliothek. Gewaltige Bücherregale aus edlem Holz nahmen die Wände ein, gefüllt mit kostbaren gebundenen Büchern. Sie bot ihnen einen Platz auf einer bequemen, stilvollen Ledercouch an.

„Möchten Sie eine Tasse Tee oder Kaffee?“ Helen wollte ihre Gastgeberinnenqualitäten nicht vernachlässigen, auch dann nicht, wenn man sie wegen eines Mordes befragte.

Vielleicht, Helen, ist es ja nicht einmal nur eine Befragung, sondern ein Verhör! Ihre innere Stimme kannte kein Pardon. Aber falls es so war, konnte es nicht schaden, sich Zeit in der Küche zu nehmen. Wenn James Withmoore wirklich an dem Gift gestorben war, das Helen vermutete, würde man ohnehin sie verdächtigen.

„Tee wäre sehr nett.“ Tom nickte dankbar und hoffte, dass er nicht weiterhin so trottelig wirkte, wie er es im Garten wohl getan hatte.

„Kaffee, falls es keine Umstände macht.“ Meg war keine typische Engländerin, was das Getränk ihrer Wahl anging. In den Anfangszeiten ihrer Polizeikarriere hatte sie sich an Kaffee gewöhnt, um auch in Spätschichten wach zu bleiben, und irgendwann war die Notwendigkeit dann zu einer Präferenz geworden.

Helen verließ den Raum und gab damit Tom und Meg Zeit, sich in dem geräumigen Zimmer umzusehen.

„So was möchte ich gerne mal haben.“ Tom klang schwärmerisch und deutete zu den hohen Bücherregalen.

Meg war erstaunt. Sie kannte Tom noch nicht sehr lange, aber sie hätte ihn nicht unbedingt für einen Bücherliebhaber gehalten. Allerdings musste sie gestehen, dass sie so eine Bibliothek ebenfalls gerne einmal hätte. Vielleicht in zwanzig Jahren, wenn sie so alt sein würde wie Dr. Graham und außer Dienst ging. Vorher hätte sie ohnehin nicht genug Zeit und Muße, um viel zu lesen, außer all den Ermittlungsakten, mit denen sie es zu tun hatte.

Sie hörten ein leises, trippelndes Geräusch und durch die offenstehende Tür kam die Ratte, die ihren Ritt auf dem Schaf aufgegeben hatte, in die Bibliothek gelaufen.

Meg ekelte sich nicht vor Ratten, aber sie hatte doch ein paar Probleme damit, sie als Haustiere anzuerkennen.

Die Ratte richtete sich auf und zeigte dabei ihren weißen Bauch. Ihre Barthaare zuckten, während sie schnupperte. Sie ließ sich wieder auf alle viere zurücksinken und trappelte zielsicher zu Tom.

„Brave Ratte.“ Tom lächelte unsicher.

Bum-Bum sprang auf seinem Schoß, was Tom mit einem kleinen „Uff“ quittierte.

Die Ratte war nicht nur groß, sondern obendrein ein schwerer Brocken. Sie schnüffelte jetzt aufgeregt an der Brusttasche von Toms Jackett und starrte ihn mit ihren schwarzen Knopfaugen an. Auffordernd, fand Tom.

„Bum-Bum, du weißt genau, dass du das nicht tun sollst.“ Helen kam mit einem Tablett herein und stellte es auf dem Couchtisch ab.

Die Ratte sprang behände von Toms Schoß und strich Helen um die Beine. Eine Katze hätte das auch nicht besser gekonnt, kam Meg in den Sinn.

„Da ich davon ausgehe, dass Sie keinen Sprengstoff in der Innentasche Ihrer Jacke haben, denke ich, dass Sie da etwas aus Schokolade beherbergen.“ Helen lächelte den jungen, rothaarigen Sergeant an.

Dieser sah sie verblüfft an und fischte dann einen Schokoriegel aus der Tasche. Meg sah ihn tadelnd an. Wenn er so weitermachte, würde er durch die Tauglichkeitsprüfung fallen.

„Das hat sie gerochen?“ Tom war erstaunt.

„Er. Sein Name ist Bum-Bum.“ Helen nahm den Schokoriegel in Augenschein.

„Mhm, kein besonders guter Riegel.“ Sie deutete auf das Tablett, auf dem sich eine Schale mit dunklen Trüffeln sowie Cranberryhäppchen befanden.

„Das hier ist viel besser. Ich stelle sie selbst her. Mit richtig guter Schokolade. Criollo aus Ecuador.“ Helen betrachtete den Mann mit einem lauernden Blick.

„Wow, Criollo, das ist die edelste Kakaosorte.“ Tom blickte Meg begeistert an, die diesem Gespräch nicht so ganz hatte folgen können. Er betrachtete mit glänzenden Augen die Schokolade. „Darf ich?“

Helen nickte zustimmend. Offenbar kannte der junge Polizist sich doch ein wenig mit Schokolade aus. Dann war Hopfen und Malz wohl noch nicht verloren.

Der rothaarige Mann griff sich eines der Schokohäufchen, die Dr. Graham als Cranberryhäppchen bezeichnet hatte. Die dunkle Schokolade knackte und Tom offenbarte einen Gesichtsausdruck, den Meg bisher nur bei Männern gesehen hatte, wenn sie sexuelle Ekstase erlebten.

„Oh, das ist so gut!“ Toms Kommentar untermauerte Megs Assoziation.

Dr. Graham lächelte wie eine Mutter, deren Kind gerade etwas gesagt hatte, was besonders schmeichelhaft war.

„Greifen Sie ruhig zu, Inspector Rutherford“, forderte Helen die skeptisch dreinblickende Frau auf. Sie warf Bum-Bum das langersehnte Häppchen zu, selbst wenn sie annahm, dass die Ratte sogar Toms Schokoriegel begeistert gegessen hätte.

„Nein danke.“ Meg sah, wie Helen die Stirn runzelte.

„Auch dann nicht, wenn ich Ihnen garantiere, dass sie nicht vergiftet sind?“ Helen erkannte, dass Megs Augen aufblitzten.

„Ach, Inspector ...“ Die ältere Frau lächelte verschmitzt. „Das war jetzt keinesfalls ein Hinweis auf meine Schuld. Nachdem Bum-Bum die Schokolade, die überall um James Whitmoore herum auf dem Boden lag, nicht mal angeknabbert hat, war mir bewusst, dass etwas nicht stimmen kann.“ Sie sah Meg an. „Ich bin Ärztin, die extrem geweiteten Pupillen von James lassen mich sogar zu dem Schluss kommen, dass er mit Tollkirsche vergiftet wurde.“

Meg hob eine Augenbraue. „Das entspricht den Tatsachen. Atropin in letaler Dosis. Ich habe mir sagen lassen, dass dieses Gift niedrig dosiert als Medikament eingesetzt wird. Vor allem in der Augenheilkunde wird es benutzt.“ Sie sah Helen lauernd an.

Diese steckte sich einen der Minztrüffel in den Mund und lächelte Meg an. „Damit bin ich wohl reichlich verdächtig. Allerdings ist Atropin zusätzlich ein sehr wirksames Herzmedikament. Und Tollkirschen wachsen in dieser Gegend jede Menge wild.“

Helen setzte sich in den Sessel den beiden Polizisten gegenüber. Bum-Bum sprang auf ihren Schoß und ließ sich hinter den Ohren kraulen. Allerdings nicht ohne der Schokolade sehnsüchtige Blicke zuzuwerfen.

„Bis dieses Verbrechen aufgeklärt ist, verdächtige ich jeden.“ Meg nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Offenbar war Dr. Graham nicht nur eine Schokoladenliebhaberin.

„Solch einen guten Kaffee habe ich selten getrunken“, meinte Meg anerkennend. Das vollmundige Aroma beinhaltete viele Geschmacksnuancen. Für jemand, die gewohnt war, den Kaffee aus den Automaten des Reviers zu ziehen, war das ein unerwarteter und überwältigender Genuss. Sie trank noch einen Schluck und bemerkte, wie Tom sie dabei beobachtete. Seine Wangen röteten sich und er blickte schnell zu Boden.

Meg nahm an, dass ihr Gesichtsausdruck gerade ebensolche Assoziationen hervorgerufen hatte wie der Toms bei ihr.

„Ich bekomme ihn direkt aus Kolumbien.“ Helen trank aus ihrer Teetasse. Sie mochte Kaffee zu besonderen Anlässen und den richtigen Gelegenheiten sehr gerne, aber im Grunde ihres Herzens war sie eine waschechte Engländerin und nichts ging für sie über einen guten Tee.

Auch da hatte sie ihre Quellen und musste nicht auf das zurückgreifen, was der Handel normalerweise anbot. Obwohl man in ausgesuchten Spezialgeschäften in London und anderen großen Städten durchaus annehmbare Ware finden konnte.

„Ecuador. Kolumbien.“ Meg blickte die Ratte an, die auf Helens Schoß saß und sich hinter den großen, faltigen Ohren kraulen ließ. „Und Riesenratten. Sie sind eine exotische Frau, Dr. Graham.“

Helen lächelte fein. „Man tut, was man kann. Ich bin in meiner aktiven Zeit als Ärztin ohne Grenzen in der Welt herumgekommen und ich habe dabei viele Freunde gewonnen.“ Helen deutete auf die Ratte. „Bum-Bum habe ich in Mosambik geschenkt bekommen. Er hat dort als Landminenratte gearbeitet.“ Sie sah den verblüfften und fragenden Gesichtsausdruck der beiden Polizisten und lachte leise.

„Das ist kein Scherz. Bum-Bum hat einen Geruchssinn, der dem eines Bluthundes in nichts nachsteht. Er ist darauf trainiert, auf Sprengstoff zu reagieren. Schokolade zu wittern ist dann eher ein Hobby.“ Sie kraulte Bum-Bum liebevoll. „Oder besser gesagt, eine Leidenschaft.“

„Erstaunlich.“ Tom beäugte die Ratte mit neuem Respekt.

„Kommen wir zu dem gestrigen Tag und James Whitmoore.“ Meg holte ihr Notizbuch hervor. Sie wusste, dass sie damit altmodisch wirkte, inzwischen hatten sich viele ihrer Kollegen auf Smartphones und Palms umgestellt, aber ihr war die gute alte handschriftliche Notiz immer noch lieber.

„Gehen wir zuerst ein paar Fakten durch.“ Meg zitierte die Angaben, die Helen und ihre Freundinnen am vorherigen Tag den Dorfpolizisten gegeben hatten, welche die erste Bestandsaufnahme gemacht hatten und die Leiche zu weiteren Untersuchungen in die Pathologie hatten überführen lassen.

Es ging dabei um die Namen der Frauen, die das Opfer gefunden hatten, um die Angaben von Uhrzeiten und die Identifikation des Opfers, auch wenn man diese später im Leichenschauhaus nochmals mit dem Sohn des Verstorbenen wiederholt hatte.

„Ich fasse also noch einmal kurz zusammen. Sie und Ihre Freundinnen vom Bittersüß-Club haben gegen 14 Uhr die Küche des Gemeindezentrums verlassen. Die gefertigten Süßigkeiten blieben unbeaufsichtigt in der Küche zurück. Gegen 17.15 Uhr haben Eleanor Miller, Harriet Johnson, Gladys Seward, Jane Davis und Sie selbst, Dr. Helen Graham, die Leiche gefunden. Sie haben sie als den Bürgermeister James Whitmoore identifiziert.“ Meg sah Helen an. „Sie haben den Tod des Mannes festgestellt und daraufhin die Polizei verständigt. Ist das so richtig?“

Helen nickte. Sie nahm an, dass für Meg Schokolade Süßigkeiten waren und sie es spitzfindig gefunden hätte, wenn sie das Wort verbessert hätte. „Weitgehend stimmt das, allerdings haben wir zuerst noch keine Polizei einschalten wollen. James Whitmoore war übergewichtig, übellaunig und hatte einen viel zu hohen Blutdruck. Wir gingen davon aus, dass er einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten hatte. Ehe Bum-Bum die verstreuten Schokoladenkreationen verschmäht hat und ich daraufhin den Verdacht hatte, dass James vergiftet worden ist. Die extrem weiten Pupillen, die ich danach erkannte, haben diesen Verdacht erhärtet. Deshalb haben wir die Polizei gerufen und darauf hingewiesen, dass die Schokolade vergiftet wurde.“

Meg notierte sich ein paar Zeilen. „Zwischen 14 Uhr und 17.15 Uhr war die Küche also verlassen?“

Helen nickte zustimmend.

„Von Ihnen hat niemand die Küche betreten, nachdem Sie diese gemeinsam verlassen hatten?“ Meg trommelte mit dem Kugelschreiber gegen den Notizblock.

„Vermutlich nicht. Aber wenn es eine indirekte Frage danach ist, ob wir einander ein Alibi geben können, muss ich das leider verneinen.“ Helen nahm an, dass sie ausholen musste.

„Wir haben vor mehr als fünf Jahren den Bittersüß-Club gegründet. Damals ist Eleanors Mann gestorben und sie war sehr niedergeschlagen. Da uns schon vorher eine Leidenschaft für Schokolade verband, haben wir kurzentschlossen den Club gegründet. Seitdem treffen wir uns zweimal im Monat, um gemeinsam Schokoladenköstlichkeiten herzustellen. Wir tun das gemeinsam in der Küche des Gemeindezentrums, da wir dort ausreichend Platz haben. Es war und ist Tradition des Clubs, dass wir danach die Schokolade auskühlen lassen und uns gegen 17 Uhr wieder treffen. Diesmal haben wir in einem der kleinen Räume neben der Küche unseren Teetisch gedeckt und wollten gerade die Schokolade holen, da haben wir James entdeckt.“

Meg hob eine Augenbraue. „Das bedeutet, dass sie alle in den drei Stunden dazwischen ihrer Wege gingen?“

„Genau.“ Helen streichelte nun über Bum-Bums Rückenfell, der sich auf ihrem Schoß immer länger machte. Es hätte Meg nicht gewundert, wenn die Ratte zu schnurren begonnen hätte.

„Ich bin nach Hause gefahren, habe meine beiden Soayschafe versorgt und danach gelesen.“

Tom betrachtete sehnsüchtig einen Minztrüffel, aber beschloss, lieber seinen Teil zur Vernehmung beizutragen. „Kann das Ihre Lebensgefährtin bestätigen, Dr. Graham?“

Es sprach für den jungen Mann, fand Helen, dass er nicht über die Bezeichnung Lebensgefährtin stolperte.

„Nein, Athena befindet sich seit zwei Tagen in London. Sie wird erst heute Abend wieder nach Willowdale kommen.“ Helen lächelte halb entschuldigend, halb herausfordernd. „Ich kann also leider kein Alibi vorweisen.“

Meg notierte noch ein paar Worte. „Das können sehr viele Menschen nicht. Im Allgemeinen benötigt man ja auch keines.“ Die Polizistin gab sich jovial.

„Kommen wir zu James Whitmoore.“ Meg blickte direkt in Helens grüne Augen. Die Ärztin erwiderte den Blick kühl. Ihr war keinerlei Nervosität anzumerken.

Entweder hatte Helen Graham nichts zu verbergen, oder aber sie war mit allen Wassern gewaschen. Die meisten Menschen wurden nervös, wenn die Polizei mit ihnen sprach, selbst wenn sie völlig unschuldig waren.

„Es geht wohl um mein Motiv.“ Helen ließ ihre ebenmäßigen Zähne aufblitzen. „Im Goldenen Schafbock hat man Ihnen also erzählt, dass James vor zwei Jahren eine böse Kampagne gegen mich angezettelt hat.“

Meg nickte zustimmend. „Sie haben sich bei der Bürgermeisterwahl gegen ihn aufstellen lassen und verloren.“

Helen lachte mit einem leichten Kopfschütteln. „Mord aus Rache dafür? Das ist ein ziemlich dünnes Motiv. Im Grunde ging es mir nicht darum zu gewinnen. Gewonnen hätte ich ohnehin nicht. Ich hielt es nur für richtig, dass sich überhaupt jemand gegen James aufstellen lässt. Immerhin wählen wir unsere Bürgermeister demokratisch. Niemand wollte sich aufstellen lassen, also habe ich selbst in den demokratischen, sauren Apfel beißen müssen.“

„Weshalb war es klar, dass Sie verlieren?“ Tom griff sich einen Trüffel und mied den Blick von Meg, den er allerdings deutlich fühlen konnte. Sie war eine tolle Frau, aber vom Genuss herrlicher Speisen und Schokolade verstand sie leider nichts, wie Tom fürchtete. Sie war ohnehin viel zu dünn.

Die zwei Polizisten hatten im Goldenen Schafbock offenbar nicht die richtigen Fragen gestellt. „James Whitmoore war Immobilienmakler und hat privat Geld verliehen. Es gibt in diesem Dorf nur wenige Menschen, die nicht bei ihm verschuldet gewesen wären, und James wusste immer, wie er seine Schulden eintreiben konnte, auf die eine oder andere Weise.“

„Aber er schoss scharf auf Sie, wenn man so sagen darf, als Sie es gewagt haben, gegen ihn anzutreten.“ Meg konnte nicht behaupten, dass Whitmoore auf sie sonderlich sympathisch wirkte.

„Er hat das gesamte Dorf mit Plakaten gepflastert, in denen er Homosexuelle im Allgemeinen und mich im Besonderen diffamiert hat. Da ging manches weit, weit unter die Gürtellinie. Es fehlte eigentlich nur noch, dass er forderte, mich öffentlich auf dem Marktplatz zu verbrennen.“

Helen schüttelte den Kopf. „Ich nehme an, jemand hat Ihnen erzählt, dass ich damals drohte, James den Hals umzudrehen. Ich habe ein dickes Fell, was meine Lebensweise angeht, und ich habe damit nie hinter dem Berg gehalten. Aber James‘ Kampagne war sehr verletzend, sehr persönlich, und ja, ich hätte ihn dafür gerne in seinen dicken Arsch getreten.“

Helen war froh darüber, dass Athena in London gewesen war, als sie James‘ Leiche gefunden hatten. Immerhin hatte ihre Geliebte damit ein sehr gutes Alibi, denn ihre Drohungen gegen Whitmoore waren weitaus heftiger gewesen.

„Sie hätten Gründe gehabt, ihm den Tod zu wünschen“, stellte Meg in den Raum.

„Durchaus, aber das alles ist vor zwei Jahren geschehen. Warum hätte ich so lange warten sollen?“ Helen nahm an, dass Chief Inspector Rutherford noch einige Überraschungen bei ihrer Ermittlung erleben würde, was die Menge der Menschen anging, die Whitmoore an diesem Ort den Tod gewünscht hatten. Aber sie war der Meinung, dass die beiden Polizisten dies durchaus allein herausfinden sollten.

„Es gibt Morde im Affekt, die geschehen schnell und ungeplant, oft mit einem Gegenstand, der gerade in Reichweite war.“ Meg blickte Helen direkt in die Augen. „Und es gibt Morde, die geplant sind. Ein Giftmord fällt in diese Kategorie und manche Menschen planen so etwas sehr lange und sehr kühl.“

„Nach dem Motto: Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert?“ Helen schüttelte amüsiert und gleichzeitig leicht verärgert den Kopf.

„Genau.“ Meg schloss ihr Notizbuch. „Ich nehme an, Sie planen nicht gerade eine längere Reise ins Ausland, Dr. Graham?“

Helen setzte Bum-Bum auf den Boden. „Meine aktive Zeit bei den Ärzten ohne Grenzen ist vorbei. Falls Ihre Worte bedeuten sollten: ‚Verlassen sie nicht die Stadt, oder in diesem Fall das Dorf‘, habe ich es verstanden.“

„Gut.“ Meg stand auf und Tom folgte ihrem Beispiel.

„Ich werde mich mit den anderen Frauen aus Ihrem Club unterhalten und komme dann wieder auf Sie zurück, Dr. Graham. Ich stehe ja erst am Anfang meiner Ermittlung.“

„Natürlich.“ Helen geleitete sie zur Tür. „Darf ich Sie danach fragen, ob alle Schokoladenkreationen vergiftet waren?“ Helen hatte sich das schon die ganze Zeit über gefragt. Sie hatte gewisse Vermutungen, aber wollte der Polizistin nicht noch mehr Grund geben, sie zu verdächtigen, als sie das wohl ohnehin tat.

„Weshalb fragen Sie das?“ Meg wartete gespannt auf die Reaktion der Ärztin.

Diese erwiderte erneut ihren Blick mit ausgesuchter Gelassenheit. „Reine Neugierde.“

„Dann tut es mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, Dr. Graham. Aus ermittlungstechnischen Gründen halten wir das zumindest vorerst noch geheim.“ Meg hoffte darauf, dass die Ärztin weiterbohrte und dabei verriet, was sie wirklich wusste, aber Dr. Graham nickte nur und verabschiedete sie dann.