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Bei Schokolade Mord!

Der Bittersüß-Club

 

 

 

 

Lektorat: Jutta Swietlinski

Text Copyright © 2014 Martina Bernsdorf

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

 

Gewidmet meiner Frau

 

und dunkler Schokolade

 

 

 

 

 

Prolog

 

„James weiß wirklich, wie man einem den Tag versaut.“ Eleanors Stimme verriet viel von ihrem Verdruss.

Helen konnte das gut nachvollziehen. James Whitmoore verbreitete diesen Effekt normalerweise schneller, als Grippeviren sich in einer Schulklasse ausbreiteten. Jetzt jedoch kam ihr Eleanors Kommentar herzlos vor.

Schließlich lag James Whitmoore, Bürgermeister des kleinen Dorfes Willowdale, ziemlich tot auf dem Fußboden des Bürgerzentrums.

Genaugenommen lag er in der Küche des Bürgerzentrums, die Helen und ihre Freundinnen vom Bittersüß-Club für ihre Treffen und vor allem zum Zubereiten ihrer wunderbaren Schokoladenkreationen benutzten.

Um den schwergewichtigen Mann, der dort ausgestreckt auf dem Boden lag, waren Harriets Minztrüffel verteilt, aber nicht nur von diesen Köstlichkeiten lag ein Teil auf dem Boden, sondern ebenfalls Süßigkeiten der anderen Clubmitglieder.

„Musst du nicht eine Mund-zu-Mund-Beatmung oder so etwas machen?“ Harriet hatte ihre Hände sorgenvoll vor die Brust gezogen, fast so, wie sie es immer tat, wenn sie bei einem gemeinsamen Filmabend einen Horrorfilm schauten. Ihrer Stimme konnte man anhören, dass sie dieses Ansinnen zwar für notwendig erachtete, aber es gleichzeitig eklig fand.

James Whitmoore zu beatmen hätte Helens Ekelgrenze bei weitem überschritten, aber als Ärztin wäre sie dazu verpflichtet gewesen, auch wenn sie sich der Augenmedizin verschrieben hatte.

Ihre Freude darüber, dass James offensichtlich schon lange genug tot war, um einen Wiederbelebungsversuch absurd erscheinen zu lassen, beschämte Helen.

„Er ist schon mindestens ein, zwei Stunden tot, da kann man nichts mehr machen.“ Helen blickte zu den Frauen auf, die sich in einem lockeren Halbkreis um den toten Mann versammelt hatten.

Niemand wirkte betroffen oder überrascht darüber, den Bürgermeister hier tot auf dem Boden ausgestreckt aufzufinden.

James Whitmoore war weder sonderlich beliebt, noch sah er so aus, als wäre er ein Gesundheitsfanatiker gewesen. In Wahrheit lag er da wie ein gestrandeter Wal.

Sein gewaltiger Bauch wölbte sich über dem Gürtel. Angesichts seines cholerischen Wesens, seines Alters und Übergewichts hatten die Bewohner von Willowdale schon lange damit gerechnet, dass ihn eines Tages der Schlag oder ein Herzinfarkt dahinraffen würde. In Wahrheit hatten die meisten Leute des Ortes schon lange darauf gehofft, dass Whitmoore endlich dahingerafft wurde.

Helen wäre es jedoch beachtlich lieber gewesen, wenn es nicht ausgerechnet hier passiert wäre. In der Küche des Gemeindezentrums, umgeben von den Trüffeln, Pralinen und Schokoladenblättern, die ihr Club hergestellt hatte.

Es war kein Geheimnis, dass Whitmoore sich immer an ihren Schokoladenkunstwerken bedient hatte.

Niemand von ihnen hatte zu Hause eine Küche, die groß genug war, dass darin fünf Personen gleichzeitig hantieren konnten, noch dazu mit einem solch aufwendigen und charaktervollen Grundstoff wie Schokolade.

Schokolade verlangte Aufmerksamkeit, Fürsorge und Geduld, darin waren sich alle Mitglieder des Clubs einig.

Die Küche des Gemeindezentrums eignete sich hervorragend für ihre Bedürfnisse. Dass sie dem Club zur Verfügung gestellt wurde, verlangte neben der Miete, die sie dafür bezahlten, ebenso das stillschweigende Hinnehmen von Whitmoores Verkostungen.

Hätten sie sich je darüber beschwert, hätte James einfach behauptet, es wäre nicht mehr möglich, dass sie die Küche für ihren Club benutzten. Whitmoore hatte sich zwar Bürgermeister genannt, aber Helen hätte sogar Despot für passend gehalten. Zumindest hatte er sich immer so aufgeführt.

Obwohl ihr Schokoladenclub nur aus vier Personen bestand, waren sie zu fünft in der Küche. Gladys näherte sich bereits dem stolzen Alter von 92 Jahren, damit war sie das bei weitem älteste Mitglied des Clubs. Womit Jane, ihre Haushälterin, eine Sonderstellung einnahm. Sie gehörte nicht richtig zum Club und ihre Leidenschaft für das braune Gold war nicht so stark wie die der anderen, aber Gladys wurde langsam zittrig und die ganzen Handgriffe, die es zu tun galt, übernahm nun Jane für sie.

Jane war, genau wie Harriet, Eleanor und Helen Anfang sechzig und eigentlich war sie mehr Gladys‘ Gesellschafterin und Freundin als ihre Hausangestellte.

Helen konnte sich nicht genau daran erinnern, wann Jane zu Gladys gekommen war, aber es mussten seitdem mindestens dreißig Jahre vergangen sein.

„Was machen wir jetzt mit dem Kerl?“ Eleanor lehnte sich lässig gegen eine Küchenanrichte. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie James keine Träne nachweinte. Helen konnte das verstehen, sie nahm an, dass es niemand gab, der das tat oder tun würde. Nicht einmal Whitmoores eigene Familie.

„Ich nehme an, wir müssen Phil vom Beerdigungsinstitut anrufen.“ Gladys war schon eine Weile gut befreundet mit dem Beerdigungsunternehmer. In ihrem Alter fand sie es beruhigend, wenn sie auf gutem Fuß mit dem Menschen stand, der ihr eines nicht mehr so fernen Tages sehr intim nahekommen würde.

Helen kauerte immer noch neben James.

Sie hatten am frühen Nachmittag die Küche verlassen, um die Schokolade auskühlen zu lassen. Es war eine Tradition des Clubs, dass sie sich nach getaner Arbeit eine Weile zurückzogen. Am späten Nachmittag trafen sie sich dann wieder, um die Köstlichkeiten, die sie zubereitet hatten, gemeinsam zu verkosten. Nicht ohne dabei eine Menge zu fachsimpeln und ihre Kreationen gegenseitig zu loben.

Das ergab ein Zeitfenster von ungefähr drei Stunden, die Whitmoore wahrscheinlich schon hier lag. Es war kühl im Raum und Whitmoores Haut, die Helen berührt hatte, um nach seinem Puls zu tasten, war schon ziemlich ausgekühlt gewesen.

„Ich habe vergessen, die Tür hinter mir zuzumachen.“ Harriet schlug sich die Hand vor den Mund, als hätte sie ein schlimmes Sakrileg begangen.

Bum-Bum war es offenbar langweilig im Nebenraum geworden, den die Damen zu ihrer geselligen Runde benutzten. Da niemand die Türen geschlossen hatte, war die afrikanische Riesenhamsterratte zu dem Schluss gekommen, dass sie selbst mal nachschauen wollte, wo denn seine Unterhaltung und nicht zuletzt die erhofften und erwarteten Leckerbissen blieben.

Helen hatte Bum-Bum vor einigen Jahren in Mosambik, bei einem ihrer Einsätze als Ärztin ohne Grenzen, geschenkt bekommen. Bum-Bum hatte dort als Herorat gearbeitet, wie man die Ratten nannte, die darauf trainiert waren, Landminen aufzuspüren. Helen war von den riesigen Ratten schwer beeindruckt gewesen und hatte sich sofort in die süßen Knopfaugen von Bum-Bum verliebt.

Insbesondere, weil die Ratte eine Vorliebe mit Helen gemeinsam hatte: die für Schokolade.

Zwar nahm Helen an, dass Bum-Bum, genau wie seine Artgenossen, sehr viele Lieblingsspeisen hatte. Aber er war immer besonders anhänglich ihr gegenüber gewesen. Vermutlich, weil er riechen konnte, dass sie immer Schokolade bei sich trug, von der sie oft einen kleinen Teil an ihn abtrat.

Angesichts dieser Liebe auf den ersten Blick, oder Liebe auf den ersten Schokoladenriegel, hatte das ganze Lager darüber gelacht, dass Bum-Bum Helen folgte wie ein Schoßhündchen. Schließlich hatte man ihn ihr geschenkt und Helen hatte Bum-Bum mit nach England gebracht, nach Willowdale und obendrein mit in den Schokoladenclub.

Eigentlich hatte Bum-Bum in der Küche nichts zu suchen, was er genau wusste, aber offene Türen bedeuteten eine Einladung. Außerdem hatte er die Aufregung der Frauen gerochen und lief jetzt zwischen Whitmoores Beinen herum.

Bum-Bum war gut erzogen, was bedeutete, er wäre nie auf die Tische gesprungen, um sich dort unerlaubt an den Köstlichkeiten zu bedienen, aber Dinge, die auf den Boden lagen, definierte Bum-Bum eindeutig als extra für ihn dort hingelegt.

Und auf dem Boden lagen momentan eine ganze Menge dunkelbrauner, mittelbrauner und zart hellbrauner Schokoladenköstlichkeiten. Ein wahres Paradies für eine Riesenhamsterratte.

Allerdings schnupperte der rotbraune Bum-Bum nur an den Trüffeln, die direkt neben James Leiche lagen. Er trippelte mit einem Ausdruck, den Helen als Enttäuschung beschrieben hätte, weiter und nahm die anderen Schokoladenstücke in Augenschein. Oder, wie Helen annahm, in Nasenschein. Denn Bum-Bum verließ sich sehr viel mehr auf seine Nase als auf die Augen. In Afrika setzte man solche Ratten inzwischen dazu ein, Tuberkulose zu erschnüffeln.Ihr Geruchssinn stand Hunden in nichts nach und sie waren, zumindest Helens Ansicht nach, viel schlauer als Hunde.

In Afrika waren wohl eher ihre niedrigen Haltungskosten von Bedeutung, aber Helen sah das völlig anders. Dass Bum-Bum sich nicht auf die Pralinen und Trüffel stürzte, war merkwürdig. Sogar ausgesprochen beunruhigend, wenn sie es recht bedachte.

Bum-Bum schnüffelte an den Pralinen, biss aber in keine einzige hinein. Stattdessen zog sich die Ratte zurück, mit einem Ausdruck, den Helen als beleidigt definiert hätte.

Die anderen Frauen hatten nicht auf Bum-Bum geachtet, sie überlegten noch immer, wen man nun zuerst anrufen sollte.

„Jemand muss den armen Peter verständigen.“ Harriet rang noch immer die Hände.

Eleanor schnaubte durch die Nasenlöcher. „Der ist ja noch dümmer, als sein Vater es war. Er wird die gute Nachricht früh genug bekommen.“

Harriet sah Eleanor mit einem halb beleidigten, halb entsetzten Blick an. „Sei nicht so gemein. Peter ist ein netter Mann.“

Eleanor verdrehte nur die Augen. Die Whitmooresippe konnte ihr gestohlen bleiben. Sie griff nach einem der Cranberryhäppchen von Helen. Feinste dunkle Schokolade umhüllte die säuerlichen, roten Früchte und Eleanor sah nicht ein, sich von James Whitmoore ihren Genuss verderben zu lassen.

„Ich finde es pietätlos, jetzt Schokolade zu essen.“ Jane betrachtete Eleanor mit einem strengen Blick.

Strenge Blicke waren eine Spezialität von Jane Davis, das musste man neidlos eingestehen. Selbst Eleanor, die sich gerne rebellisch und zynisch gab, ließ sich davon beeindrucken.

Jane erinnerte sie an eine Lehrerin aus dem Internat, auf dem sie als Mädchen gewesen war. Streng, aber fair, und man kam nicht umhin, ihre Autorität anzuerkennen. Allerdings war Jane nur Gladys‘ Haushälterin und Freundin und deswegen rümpfte Eleanor jetzt die Nase. Sie würde sich doch von Jane nichts vorschreiben lassen.

Doch ehe sie erneut nach der Süßigkeit greifen konnte, erklärte Helen mit merkwürdig leiser und zittrigen Stimme, die so gar nicht zu ihrem sonstigen Selbst zu gehören schien: „Wir sollten alles so stehen und liegen lassen, wie es ist.“

Eleanor hob fragend eine Augenbraue. Dieses Mienenspiel beherrschte sie perfekt. Sie blickte zu Helen hinab, die noch immer neben Whitmoores Leiche kauerte. Die Ärztin schnupperte sogar an seinem Mund, womit sie eine gute Parodie ihres merkwürdigen Haustieres abgab, wie Eleanor fand.

Dann hob sie eines von James‘ Augenlidern an und sah zu ihren Freundinnen auf. Helen wirkte blasser als üblich und die Sommersprossen auf ihrer hellen Haut zeichneten sich so deutlich ab, als hätte jemand sie aufgemalt.

„Wir sollten als Erstes die Polizei rufen.“ Helens Stimme machte Eleanor Angst. Sie warf einen schnellen Blick zu Gladys. Sie war so viel älter als sie alle und immer der Fels in der Brandung für sie alle gewesen.

„Polizei?“ Gladys stützte sich stärker auf ihren Stock, den sie erst seit diesem Jahr benutzte. Es hatte Jane, unterstützt von Helen, viel Überzeugungskunst gekostet, die alte Frau dazu zu bringen, ihn anzunehmen.

Eleanor stellte erstaunt fest, dass sie Gladys zum ersten Mal wirklich als alte Frau wahrnahm. Gladys sah ein wenig aus wie Katherine Hepburn, groß und knochig. Immer sehr aufrecht, immer sehr dominant, aber jetzt wirkte sie mit einem Mal eingefallen und gebeugt.

„Ja, ich glaube, James ist ermordet worden.“ Helen starrte auf die verschiedenen Schokoladenpralinen auf dem Boden. Dass Bum-Bum sie verschmäht hatte, war ein mehr als deutliches Zeichen. Whitmoore roch nicht nach Bittermandel, aber seine Pupillen waren extrem erweitert.

So extrem, dass Helen beinahe sicher war, womit man ihn vergiftet hatte. Aber diese Vermutung beschloss sie vorerst für sich zu behalten.

Sie blickte auf und sah von einem erschrockenen Gesicht zum anderen. „Ich glaube, man hat ihn vergiftet und ich fürchte, das Gift ist in unseren Schokoladenkreationen.“

Eleanor starrte auf ihre Fingerspitzen, an denen Schokolade klebte, und blickte dann wieder zu der hingestreckten Gestalt des Bürgermeisters.

„Verdammt“, erklärte sie mit untypisch leiser Stimme und Helen konnte ihr nur zustimmen.

Verdammt.