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Blutlinien der Nacht

 

Band 1 von 3

 

 

Martina Bernsdorf

 

 

 

Lektorat: Jutta Swietlinski

 

Text Copyright © Martina Bernsdorf 2014

Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für meine Frau
Prolog

 

Zeit hatte keine Bedeutung an diesem Ort. Nicht, dass Zeit überhaupt eine Bedeutung für sie gehabt hätte. Dennoch, es war eines, die Jahre an sich vorbeiziehen zu sehen und am Leben teilzunehmen, aber es war etwas ganz anderes, hinter diesen dunklen Mauern gefangen zu sein, eingehüllt in den Gestank des eigenen Körpers, des eigenen Blutes.

Licht war ein Luxus und sie genoss die Stunden, in denen Kerzen und Fackeln, aber auch das matte Licht der nackten Glühbirnen, so sehr sie an diesem Ort auch einen Stilbruch darstellten, ihr Dasein erhellten. Zwar bedeutete Licht für gewöhnlich auch Schmerz, aber Schmerz war ein Luxus, auch wenn ihre Peiniger nicht ahnen konnten, dass sie auch ihn genoss.

Alles war besser als die stumme Dunkelheit und gefangen zu sein in den eigenen Gedanken, nur in Gesellschaft des nagenden Hungers in ihren Eingeweiden, nein, mehr noch, in ihrem ganzen Sein.

Der Hunger war verschlingend und dieser Gedanke brachte sie dazu zu kichern, denn er barg eine dunkle Ironie und sie wusste auch das zu schätzen. Hunger war das Einzige, was sie in diesem Gefängnis immer begleitete. Die Dunkelheit wurde manchmal durch Licht erhellt, die Gefühllosigkeit durch Schmerz abgelöst, das Bewusstsein durch Ohnmacht, das Wachen durch Schlaf.

Einzig der Hunger war eine Konstante, er brannte in ihren Venen und Arterien, in ihrer Kehle und ihrem Gehirn, in ihren Organen und in jeder Zelle, die es in ihrem Körper gab. Er existierte immer, er war ewig und er verließ sie nicht einmal im tiefsten Schlaf, denn dann war er in ihren Träumen. Nicht einmal wenn ihr Körper unter dem zusammenbrach, was man ihr antat, verschwand der Hunger. Selbst in den tiefen Gewässern der Ohnmacht durchstreifte er ihr Dasein wie ein Hai dunkle Gewässer. Auf der Suche nach Beute. Auf der Suche nach Blut.

Draußen vergingen die Jahreszeiten, hinter den dicken Mauern fast unbemerkt, doch manchmal, wenn die Gewitter laut genug tobten, hörte sie die dumpfen Donnerschläge selbst in ihrem Gefängnis. Hin und wieder brachten ihre Peiniger den Duft nach Regen mit, manchmal, in seltenen, verzückenden Augenblicken gar den Duft von Blüten, wenn sich an ihrer Kleidung winzige Pollen festgesetzt hatten. Allein daran konnte sie ermessen, dass immer noch Zeit verging.

Zeit. In ihrem Gefängnis hatte sie viel Gelegenheit gehabt, über dieses Abstraktum nachzudenken.

Zeit. Während ihrer gesamten Existenz hatte sie selten einen Gedanken daran verschwendet und die Besessenheit der modernen Gesellschaft, diese abstrakte Idee in Stunden, Minuten und Sekunden aufzuteilen, hatte ihr nur ein nachsichtiges Lächeln entlockt. Vielleicht musste man Zeit messen, wenn man nur so wenig davon besaß. Möglicherweise gab das den Menschen die Kontrolle über die verrinnenden Augenblicke, oder zumindest die Illusion davon.

Illusionen waren gut. Sie selbst setzte in ihrem Gefängnis die Macht der Imagination ein. Sie erlaubte ihrem Geist zu reisen, durch die Äonen, zu all den Orten, an denen sie sich je aufgehalten hatte. Sie dachte an jene, die ihren Weg gekreuzt hatten und an jene, die schon längst zu Staub zerfallen waren. Ihre Peiniger wussten nicht, wie selten sie in diesem zerbrechlichen, schmalen Körper hauste, den sie mit Ketten an die Wand gebunden hatten.

Zeit. Ein Lächeln zuckte über ihre Lippen und ließ die trockene Haut aufplatzen. Nur wenig Blut floss, aber selbst der schale Geschmack ihres eigenen Blutes ließ das Raubtier des Hungers in ihr aufheulen. Sie zuckte in ihren Ketten, wenn ihr Körper sich verkrampfte und erst nach einer Weile wieder still hing.

Auf eines konnte man sich bei der Zeit verlassen. Dass sie verging. Und genau darin lag ein bittersüßes Geschenk. Ihre Gedanken drifteten dahin, wie Eisschollen auf einem kalten Meer. Und trotz der Kälte, die ihr Sein erfüllte, war da ein Gedanke voller Wärme:

Jemand würde kommen.

Wieder lächelte sie in der Finsternis, während ihre raue Zunge über ihre aufgeplatzte Lippe tastete, das wenige Blut, welches ausgetreten war, ableckte.

Jemand würde kommen.

 

1

 

Der Geruch nach Blut war überwältigend stark, dieses unverwechselbare Aroma metallischer Süße. Er drang in ihre Nasenhöhlen und von dort direkt in ihr Gehirn.

Alix Jordan kniff die Augen zusammen und rieb sich unwillkürlich mit Zeige- und Mittelfinger über die Nasenwurzel. Finster fixierte sie die Wand, vor der sie stand, doch auch das bot keine Erleichterung für ihre Sinne, denn überall auf dem rauen, weißen Putz waren dunkelrote Spritzer zu erkennen.

Dunkelrot, weil das Blut bereits geronnen war. Ein merkwürdiges Gefühl, das sie nicht benennen konnte, war mit diesem Gedanken verbunden. Fast so etwas wie Bedauern.

Alix schüttelte heftig den Kopf und drehte ihn dann abrupt um, als ihr bewusst wurde, dass jemand sie beobachtete. Ihr Blick traf auf den von Claire, in deren smaragdgrünen Augen Alix profundes Unbehagen und Sorge lesen konnte.

Gott, ich muss aufhören, mich so merkwürdig zu benehmen. Alix wandte ihre Konzentration mit Mühe von dem blutigen Muster an der Wand ab. Es war schließlich nicht der erste bluttriefende Tatort ihrer Karriere.

Sie war Lieutenant im Police Department von Los Angeles und stand kurz vor dem Sprung zum Captain. Im Grunde wäre sie schon längst Captain gewesen, hätte nicht zwei Jahre zuvor ein Fall ihr beruflich fast das Genick gebrochen.

Ganz davon abgesehen, dass Carmilla mein Leben noch auf einer ganz anderen Ebene durcheinandergebracht hat. Alix verscheuchte den Gedanken. Es war gefährlich, in Claires Anwesenheit über Carmilla Fanu nachzudenken. Ihre Partnerin, in beruflicher wie auch privater Hinsicht, schien über übersinnliche Wahrnehmungen zu verfügen, wenn es um die blonde Clubbesitzerin ging. Und selbst nach zwei Jahren war der Hass, den die kleine, rothaarige Frau gegen Carmilla hegte, nicht schwächer geworden.

Alix musste sich beherrschen, um nicht unwillkürlich nach den beiden kleinen weißen Narben an ihrem Hals zu tasten. Sichtbare Beweise von Carmillas Leidenschaft, sofern man den unglaublichen Sex, den sie gemeinsam erlebt hatten, mit so einem harmlosen Wort wie Leidenschaft bezeichnen konnte.

Carmilla, von der sie bis zum heutigen Tag nicht wusste, was sie wirklich gewesen war. Und allein die Frage nach dem „Was“ barg ein gerüttelt Maß an Wahnsinn in sich.

Carmilla, die als Verdächtige in einem Serienmordfall in ihr Leben getreten war und sie vom ersten Moment an fasziniert hatte.

Fasziniert. Alix musste sich sehr anstrengen, um das Zucken um ihre Mundwinkel zu unterdrücken. Faszination war ein sehr geringfügiges Wort für das, was zwischen ihr und der blondgelockten Schönheit gewesen war. Besessenheit passte da schon viel besser, auch wenn dies nur einen Aspekt ihres Verhältnisses ausgemacht hatte.

Die sexuelle Anziehung zwischen ihnen war überwältigend gewesen und stark – so stark, dass selbst ihre aufkeimende Beziehung zu Claire nicht gänzlich imstande gewesen war, Carmillas Bann zu brechen.

Oder vielleicht war es einfach doch Liebe gewesen, was sie mit der unglaublichen Frau verbunden hatte? Zwar eine ganz andere Art von Liebe als jene, die sie für Claire empfand, aber dennoch Liebe?

Alix sah, wie eine der feingeschwungenen, roten Augenbrauen ihrer Partnerin in die Höhe wanderte, und verbot sich jeden weiteren Gedanken in diese Richtung. Stattdessen blickte sie sich erneut in der kleinen Wohnung um, in der sich im Augenblick so viele Menschen aufhielten.

Ted Kleinmann und sein Ermittlungsteam waren emsig beschäftigt und alle Ermittler hielten einen respektablen Abstand ein. Niemand legte Wert auf eine Konfrontation mit dem kleinen, alten Mann, der Tatorte mit heiligem Eifer und unheiligem Mundwerk verteidigte. Jeder Polizist, der es wagte, durch Unachtsamkeit Spuren zu verwischen oder unbrauchbar zu machen, lernte den Mann von einer Seite kennen, die niemand wirklich kennen wollte. Dass Kleinmann die Ermittler nicht alle vor die Tür geschickt hatte, während sein Team den Tatort sicherte, war ein Indiz dafür, dass er wusste, wie gut Alix’ Team von ihr instruiert war.

Claire klopfte sich mit ihrem Notizblock gegen die Fingerknöchel, eine Geste, die sie unbewusst benutzte, um ihre Gedanken zu sammeln. Es gefiel ihr nicht, wie merkwürdig sich Alix in letzter Zeit benahm. Ihr Blick ruhte auf der hochgewachsenen, ein wenig schlaksig wirkenden Gestalt ihrer Partnerin. Alix sah umwerfend gut aus. Dieser Gedanke drängte sich Claire immer wieder auf. Schlank, mit langen Gliedern, das schwarze Haar offen und gelockt über die Schultern fallend, war Alix eine umwerfend attraktive Frau.

Claire beobachtete, wie Alix die blutbespritzte Wand anblickte, und wünschte sich, sie könnte in diesem Moment ihr Gesicht sehen, denn irgendetwas stimmte absolut nicht. Allerdings konnte Claire nicht erkennen, was das war. Sie bezweifelte auch, dass jemandem, der Alix nicht so gut kannte wie sie, aufgefallen wäre, dass ihre Partnerin in letzter Zeit sonderbar auf Tatorte reagierte. Sie schien oft so geistesabwesend. So wie jetzt, während sie diese grausige Wand anstarrte, und das schon geschlagene fünf Minuten. Es ist fast so, als könnte sie irgendwelche Zeichen im Blut erkennen, dachte Claire mit einem Schauder.

Alix drehte sich zu ihr um, und Claire hob unwillkürlich eine Augenbraue. In den so einmalig hellblauen Augen ihrer Partnerin lag ein Ausdruck, den Claire ironisch als Carmilla ist anwesend bezeichnete. Ganz offensichtlich dachte Alix wieder an diese Frau. Claire wünschte, das würde ihr weniger ausmachen. Carmilla war schließlich aus Alix’ Leben verschwunden. Mehr noch, sie war seit zwei Jahren wie vom Erdboden verschluckt. Und das war Claire nur recht. Es hatte keinen Versuch der Kontaktaufnahme gegeben – die rothaarige Ermittlerin wusste, dass Alix das vor ihr nicht hätte verheimlichen können, aber dies auch nicht versucht hatte. Carmilla war weg und sie selbst hatte gewonnen. So einfach war das, oder so einfach hätte es sein sollen. Nur war es das nicht.

Claire seufzte gedanklich. Carmilla war noch immer in Alix’ Blut. Und das war nun wirklich ein Gedanke, der gefärbt war von kaltem Zynismus. Denn Claire konnte nicht vergessen, dass Carmilla wirklich in Alix’ Blut war. Sie sah, wie es in Alix’ langen, schmalen Fingern zuckte, und hätte schwören können, dass sie den Impuls unterdrücken musste, sich an die beiden Narben an ihrem Hals zu greifen.

Carmilla hatte Alix’ Blut getrunken, in ihrem verrückten, perversen Vampirspiel, welches sie ihr Leben nannte. Schlimmer war jedoch, dass Alix auch Carmillas Blut getrunken hatte, und das war etwas, das Claire bis zum heutigen Tag nicht verstehen konnte.

Man konnte Carmillas sexueller Anziehung erliegen. Sogar Claire selbst hatte einmal eine Dosis ihrer Anziehungskraft gekostet. Aber ihr Blut zu trinken war eine ganz andere Geschichte. Carmilla war verrückt gewesen, hatte sich für eine Vampirin gehalten und war ganz in diesem Wahnsinn aufgegangen. Alix hingegen hatte keine Erklärung für ihr damaliges Handeln.

Claire konnte ein Aufflackern von Schuldbewusstsein in Alix’ scharfgeschnittenem Gesicht ausmachen. Die dunkelhaarige Polizistin versuchte es zu verbergen, indem sie sich erneut umsah. So als gäbe es irgendetwas Neues, was sie betrachten könnte.

 „Denkst du, es ist der gleiche Täter?“ Claire trat an Alix’ Seite und folgte ihrem Blick. Er war auf die lange Blutspur am Boden gerichtet, wo die junge Frau über den Boden gekrochen war, mit herausgerissener Kehle, bereits todgeweiht.

Claire sah, wie angespannt Alix war, ihr Gesicht war unter der leichten bronzefarbenen Tönung blass und in ihren hellen Augen flackerte es unstet. Fast hätte man meinen können, dass es ihr etwas ausmachte, so viel Blut zu sehen. Doch das konnte es nicht sein. Claire hatte Alix nie vor etwas zurückschrecken gesehen und selbst an den schlimmsten Tatorten hatte sie immer ihre berufliche Professionalität gewahrt. Alix war zwar nicht abgestumpft, zumindest nicht mehr, als es in diesem Job nötig war, aber sie war ein Profi und Claire hatte sie in den zwei Jahren, die sie bereits zusammenarbeiteten und -lebten, noch nie in solch einer Verfassung erlebt. Und das machte ihr große Angst, die sie sich aber nicht eingestehen wollte.

„Alles in Ordnung?“ Claire fasste Alix sanft am Unterarm und bemerkte, dass der Arm ihrer Partnerin unter der Leinenjacke kalt war. Dies erschien ihr sehr ungewöhnlich, da seit Tagen eine drückende Hitze in Los Angeles herrschte. Sie selbst hatte ihre Jeansjacke in Alix’ schwarzem Mustang gelassen. Es war ihr völlig egal, wenn jeder den Schultergurt mit ihrer Dienstwaffe sehen konnte. Schließlich waren sie an einem Tatort und nicht zum Shopping in der Stadt.

Alix gelang es, sich von dem Anblick des Blutes loszureißen. Sie blinzelte zweimal heftig und nickte dann. „Ja, ich war nur“, sie stockte und fuhr fort, „in Gedanken.“

In Gedanken. Das schien Alix seit einiger Zeit ständig zu sein, zumindest an Tatorten. Claire runzelte die Stirn. Es gefiel ihr nicht, dass ihre Freundin so ausweichend antwortete. Ihre Beziehung funktionierte in der Regel gut, aber es gab immer wieder Augenblicke wie diesen, in denen sich Alix ihr verschloss und Claire bei ihr gegen eine Mauer rannte. Diese Verschlossenheit machte Claire Angst und die eifersüchtige kleine Bestie, die irgendwo in ihrem Herzen hauste, sah darin gerne ein Zeichen dafür, dass ihre Geliebte Geheimnisse vor ihr hatte. Geheimnisse, die vermutlich mit einer blondgelockten Frau zu tun hatten, die ihre Welt auf den Kopf gestellt hatte.

„Glaubst du, wir haben es hier mit einem Serientäter zu tun?“ Claire warf einen Blick auf Kleinmann, der noch immer über die Leiche der jungen Frau gebeugt war und mit einer Pinzette in der Wunde an ihrer Kehle stocherte.

Alix folgte ihrem Blick. Es war kein sauberer Schnitt gewesen, der Ann Morris das Leben genommen hatte. Ihre Kehle sah aus, als hätte ein Raubtier sie angefallen. Muskelstränge und Knorpel ragten aus der Wunde. Ihr Kehlkopf war ganz herausgerissen worden und lag einige Schritte von der Leiche entfernt neben der Wand, wo ein blutiger Abdruck auf dem Weiß bewies, dass der Täter ihn dorthin geworfen hatte. Wahrscheinlich, weil ihm das Geräusch des Fleisches, das gegen die Wand klatscht, gefallen hat, dachte Alix mit einem seltsamen Kitzeln in ihrer Kehle, über das nachzudenken sie sich nicht erlaubte.

Hatten sie es mit einem Serientäter zu tun? Im Grunde gab es keine schlüssigen Indizien dafür, sah man von der schier unglaublichen Brutalität ab, die bei allen Opfern angewandt worden war.

Alix war seltsam froh, ihre Gedanken wieder auf den Fall richten zu können. Sie sah Claire an und zuckte mit den Schultern. „Wir haben drei bestialische Mordfälle im Zeitrahmen von acht Tagen. Auffallend an den Morden ist die Brutalität, mit der sie verübt wurden, und dass reichlich Blut geflossen ist, so viel, dass man nur davon ausgehen kann, dass der Täter genau das bezweckt hat. Er“, sie stockte, „oder sie, wollte genau dieses bluttriefende Szenario.“

„Allerdings gibt es keine Verbindung zwischen den Opfern, zumindest haben wir noch keine gefunden.“ Claire tippte wieder mit dem Notizblock gegen ihre Fingerknöchel. „Und die Mordmethode war immer unterschiedlich.“ Sie verzog das Gesicht bei dem Gedanken an die anderen Tatorte.

Alix runzelte die Stirn. „Stimmt das denn wirklich? Das erste Opfer wurde geköpft.“ Alix erinnerte sich daran, dass Kleinmanns Team eine ganze Weile gebraucht hatte, um den Kopf zu finden. Am Ende war er in der Gefriertruhe aufgefunden worden, zwischen Steaks und eingefrorenen Bohnen.

„Das zweite Opfer starb an tiefen Schnitt- oder eher Rissverletzungen im Halsbereich.“ Alix deutete auf die stumme Gestalt der Toten, deren matte Augen sie anklagend anzustarren schienen. „Und Ann Morris starb, weil ihr die Kehle regelrecht herausgerissen wurde.“ Alix schüttelte den Kopf und musterte Claire, in deren Augen sie das Unbehagen las, welches sie selbst empfand. „Für mich sind das nicht unbedingt unterschiedliche Mordmethoden.“

Claire nickte zögernd. „Du glaubst, dass wir es mit einem Serienmörder zu tun haben?“

Alix legte sich ohne Fakten und Beweise nicht gerne fest, aber sie stand hier nicht vor Gericht, sondern unterhielt sich mit ihrer Partnerin, mit ihrer Freundin und Geliebten. Es war in Ordnung, vor ihr Spekulationen zu äußern. „Mein Gefühl sagt mir, dass es ein und derselbe Täter war.“

Claire empfand etwas sehr Ähnliches. Jeder Ermittler besaß früher oder später diese Art von Instinkt, der sich nur selten irrte. „Es muss eine Verbindung zwischen den Opfern geben, die wir noch nicht kennen“, erklärte Claire mit Nachdruck.

Alix wusste, dass das nicht unbedingt eine richtige Schlussfolgerung sein musste. Manche Serientäter hatten kein Muster und wählten ihre Opfer willkürlich aus, weil es ihnen nur auf den Akt des Tötens ankam, nicht auf eine bestimmte Tötungsart. In diesem Fall jedoch nahm Alix an, dass Claire Recht hatte. Es gab eine Verbindung. Und wenn sie diese fanden, dann waren sie in der Suche nach dem Täter einen großen Schritt weiter.

„Wir sind so weit fertig.“ Kleinmann packte seine Proberöhrchen akribisch zusammen und winkte den zwei Männern mit dem Leichensack zu. „Wir bringen sie in die Pathologie.“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Ich schätze, Dr. Loomis wird die Autopsie dann auf morgen früh ansetzen.“

„Kannst du mir schon etwas über den Zeitpunkt des Todes sagen, Ted?“

Ihre Frage bescherte Alix einen verärgerten Blick aus kurzsichtigen Augen. „Du weißt genau, wie ich arbeite, Jordan.“

Die dunkelhaarige Ermittlerin verdrehte demonstrativ die Augen. „Fakten, keine Spekulationen. Das werden sie noch eines Tages auf deinen Grabstein schreiben, Kleinmann.“

Kleinmann war nicht beleidigt. Er arbeitete gerne mit Alix zusammen, auch wenn sie beide meistens viel Spaß daran hatten, so zu tun, als würden sie sich nicht im Geringsten mögen. „Das wäre ein Grabstein, der meinem Geschmack durchaus entsprechen würde.“ Er musterte Alix. „Du bekommst den ersten Bericht in ein paar Stunden, darin werde ich mich dann zum Todeszeitpunkt äußern.“ Mehr Zugeständnisse machte er nicht.

Alix und Claire sahen ihm nach, während seine Leute die Ann Morris’ Leiche in dem schwarzen Leichensack verstauten. Endlich wurde der Reißverschluss zugezogen und sie mussten nicht länger in die anklagenden, toten Augen der Frau starren.

„Was jetzt?“ Claire hatte sich schon gründlich in der kleinen Wohnung umgesehen. Sie war relativ aufgeräumt und eine Spur teurer eingerichtet, als man es bei einer Studentin hätte erwarten können. Auf den ersten Blick sah es nicht so aus, als wäre etwas gestohlen worden, aber das würden sie erst genau wissen, wenn jemand die Wohnung besichtigt hatte, der Ann Morris so gut gekannt hatte, dass er eventuell wissen konnte, ob dort etwas fehlte.

„Die Nachbarn haben natürlich nichts gesehen und nichts gehört.“ Die Stimme kam von der Haustür, die noch immer offen stand. Detective Helen Conners, die zu Alix’ Team gehörte, trat geschäftig durch die Tür und blickte dabei auf das Klemmbrett mit ihren Notizen.

Die dunkelhäutige junge Frau schnalzte mit der Zunge. „Es ist immer das Gleiche. Wenn ein Mord geschieht, will kein Schwein etwas gehört oder gesehen haben.“ Sie sah auf und warf einen Blick auf die Blutlache. „Und dabei muss es ganz schön laut zugegangen sein.“

Alix lehnte sich vorsichtig gegen den Wohnzimmertisch. Er war noch mit dem Pulver bestäubt, mit dem man Fingerabdrücke sichtbar machte, aber alle verwertbaren Abdrücke waren bereits genommen worden. „Nicht zwingend. Wenn der Täter ihr die Kehle aufgeschlitzt hat, ehe sie schreien konnte, dann ging das Ganze womöglich relativ still vor sich.“

„Mit zerfetzter Kehle schreit man nicht mehr.“ Claire schauderte unwillkürlich. Sie deutete zu der zerbrochenen Tischlampe, deren Scherben sich über den Boden verteilt hatten. „Das hat auch niemand gehört?“

Helen blickte auf ihr Klemmbrett, auch wenn sie alle Aussagen im Kopf hatte. Oder eher die Nichtaussagen, wie sie wütend dachte. Manchmal fand sie Los Angeles einfach zum Kotzen. Keiner schien sich mehr um den anderen zu kümmern. Niemand half mehr, wenn von irgendwoher Schreie hallten, jeder versuchte nur noch sich selbst aus Schwierigkeiten herauszuhalten. „Es gibt drei direkte Nachbarn.“ Helen deutete nach rechts und links sowie auf die Wohnung gegenüber.

„Außerdem sind da noch die Appartements über und unter ihr.“ Helen schüttelte den Kopf, was ihre Rastazöpfe in Bewegung versetzte. Momentan waren sie schwarz, sah man von einzelnen blauen Strähnen ab.

Helens Haare hatten schon etliche Farbveränderungen durchgemacht. Alix argwöhnte, dass die schwarzblaue Frisur, die Helen momentan trug, eine Art von Trauer repräsentierte, da sie sich gerade erst von ihrem Freund getrennt hatte. Normalerweise war ihre Farbauswahl um einiges verspielter.

„Die Nachbarn links und rechts behaupten, nichts gehört zu haben.“ Helen seufzte. „Dabei könnte ich wetten, dass der Widerling in Nummer drei“, der Wink ihrer Hand ging nach rechts, „auf jeden Fall irgendwas gehört hat. Vermutlich hängt der die ganze Zeit mit einem leeren Glas am Ohr an der Wand. Doch anscheinend hat er zu viel Schiss davor, Scherereien zu bekommen, um zuzugeben, dass er etwas gehört hat.“

Helens Stimme machte deutlich, wie sehr sie dieses Verhalten ärgerte. „Der Nachbar linker Hand behauptet ebenfalls, nichts gehört zu haben, was ich in dem Fall sogar glaube, weil er schätzungsweise die meiste Zeit des Tages total high ist.“ Sie seufzte. „Die Einzige, die überhaupt etwas gehört hat, erklärte, irgendwann am frühen Morgen hätte jemand sehr laut Musik gehört, und sie meint, es könne aus diesem Appartement gekommen sein.“ Helen deutete mit dem Finger nach oben, um deutlich zu machen, woher die Zeugenaussage kam.

„Keine berauschende Ausbeute.“ Helen blickte von Alix zu Claire und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

„Wir werden den Nachbarn rechter Hand ins Department laden. Ich schätze, das dürfte reichen, um seine Zunge zu lösen.“ Alix bezweifelte allerdings, dass seine Aussage ihnen weiterhelfen würde.

Helen sah deprimiert aus. Die junge Frau hatte sich verändert. Mit fünfundzwanzig war Helen eine blutjunge Ermittlerin gewesen, die sich voll Enthusiasmus auf jeden Fall gestürzt hatte. Noch voller Eifer, die Bösen zu fangen und die Guten zu schützen, dachte Alix mit einem Hauch von Bitterkeit. In den folgenden zwei Jahren war dieser drängende Wunsch nach Gerechtigkeit und danach, einen Sinn in den Abscheulichkeiten zu finden, mit denen sie täglich konfrontiert worden, langsam in Helen zu Asche zerfallen.

Sie hatte ihr Feuer nicht ganz verloren, aber sie hatte viele ihrer Illusionen hinter sich lassen müssen. Es hatte Alix geschmerzt, ansehen zu müssen, wie Helen sich veränderte. Sie wusste, dass dies in ihrem Beruf früher oder später jedem so ging, aber dennoch war es quälend gewesen, zu sehen, wie die Glut in den schokoladenbraunen Augen erloschen war und allzu oft bereits einem resignierenden, wütenden oder traurigen Ausdruck Platz gemacht hatte. Manchmal wünschte Alix, dass Helen sich einen anderen Beruf ausgesucht hätte. Einen, der nicht so leicht die Seele auffraß wie der ihre.

Alix fragte sich auch, ob Helens Beziehung an ihrem Beruf gescheitert war. Es war nie einfach, mit einem Ermittler oder einer Ermittlerin zusammen zu sein, denn es gelang nicht einmal den Besten unter ihnen, die Fälle nicht mit nach Hause zu nehmen. Die Toten verfolgten einen mit beharrlicher Hartnäckigkeit. Und was erzählte man dann seinem Partner? Sollte man all die Schrecken, mit denen man konfrontiert wurde, wirklich mit ihm teilen? Die meisten Ermittler und Ermittlerinnen verschlossen sich mit der Zeit, trennten ihr berufliches Leben völlig von ihrem privaten Leben. Doch viele hatten bald kein Privatleben mehr, weil diese Trennung selten funktionierte.

Alix war dankbar, dass sie diese Probleme nicht hatte. Claire war nicht nur eine Ermittlerin, sondern auch ihre Partnerin, und sie konnten über jeden Aspekt eines Falles miteinander reden. Sie verstand die Probleme, die der Beruf mit sich brachte, denn immerhin teilten sie diese. Claire war die ideale Partnerin für sie, in jeder Hinsicht. Umso entnervender fand es Alix, dass sie es nicht fertigbrachte, Carmilla völlig aus ihrem Leben zu verbannen. In ihren Träumen geisterte die blonde Frau mit den unglaublich blauen Augen immer noch herum, und manchmal, nur manchmal, wünschte sie sich für ein paar Augenblicke, es sei kein Traum.

„Wir werden den Kerl schon kriegen.“ Claires Worte galten Helen. Sie klopfte der jüngeren Frau auf die Schulter und lächelte sie an.

„Klar kriegen wir ihn.“ Helen lächelte zurück, ehe sie einen Blick auf ihr Vorbild warf. Alix sah müde aus, stellte sie fest, müde und blass. In den letzten acht Tagen war ihr aufgefallen, dass sich ihre Chefin merkwürdig verhielt. Sie wirkte an den Tatorten manchmal wie eine Schlafwandlerin. Helen war den scharfen, wachen Verstand von Alix gewohnt, ihre brillante Auffassungsgabe und ihren bestechenden Instinkt. Irgendetwas stimmte nicht mit Alix und Helen fragte sich, was das wohl war.

„Er wird einen Fehler machen.“ Alix hatte das Gefühl, dass sich die Worte zu monoton und schal anhörten, selbst in ihren eigenen Ohren. Es war ein Satz, wie Helen ihn von ihr erwartete, eine Bestätigung, dass ihre Arbeit einen Sinn ergab, einen Unterschied machte. Sie bemerkte den fragenden Blick in den warmen, braunen Augen der jungen Frau. Siebenundzwanzig, dachte Alix. War ich jemals so jung? Die beiden Frauen trennten nur zehn Jahre, dennoch fühlte sich Alix manchmal alt und vor allem müde. Es war, als fehle ihr etwas, es war, als brauche sie etwas, es war wie eine Art von Hunger, aber sie wusste nicht, wonach.

„Die Frage ist nur, wie viele sterben müssen, ehe er diesen Fehler macht.“ Claire warf Alix einen prüfenden Blick zu und fing aus dem Augenwinkel einen Blick von Helen auf, in dem sich ihre eigene Sorge nahezu spiegelte. Sie wusste, dass die junge Frau für Alix schwärmte, auf eine niedliche Art, die ein wenig mit Heldinnenverehrung zu tun hatte und Claire nie eifersüchtig gemacht hatte.

Helen sieht es also auch und sie macht sich genauso viele Sorgen deswegen wie ich.

Der Gedanke war nicht angenehm.

 

 

2

 

Das Mondlicht spiegelte sich in den Pfützen der Straße. Gegen Abend hatte es heftig geregnet und noch immer glänzte der Asphalt nass. Es sah hübsch aus. Alix’ Lippen kräuselten sich. Es gab vermutlich nicht viele Menschen, die in Straßenpfützen Schönheit erkennen konnten. Doch die Nacht verwandelte alles, so war es schon immer gewesen. Los Angeles war bei Nacht eine andere Welt. Nicht unbedingt ungefährlich, das war diese Stadt noch nie gewesen, aber seltsam schön.

Alix hatte die Nacht schon immer gemocht, mit all ihren Schattengebilden und Abstufungen von Grau. Es war zwar eine merkwürdig farblose Welt, zumindest wenn man die Stadtteile hinter sich gelassen hatte, in denen Tag und Nacht grelle und bunte Neonreklamen um Aufmerksamkeit warben. Dennoch gefiel Alix die Umgebung so, die Konturen der Häuser und Bäume waren anders bei Nacht, nicht so scharf und nicht so hart wie bei Tageslicht. Doch da, wo Neonleuchten Inseln von Licht in die Dunkelheit rissen, waren die Kontraste noch schärfer und härter umrissen als am Tag. Diese Zwiespältigkeit, diese Ambivalenz, diese Abgründe zwischen Helligkeit und Dunkelheit, die Unwirklichkeit, die in den Schatten hausen mochte, waren ihr schon immer verlockend erschienen.

Seit einiger Zeit jedoch fühlte sie sich in der Nacht noch wohler als früher, zogen sie die dunklen Stunden noch stärker an. Seit einiger Zeit. Alix seufzte leise. Sie konnte genau benennen, seit wann es so war. Seit zwei Jahren. Seit Carmilla. Und es wurde stärker, mit jedem Tag, der verstrich. Sie war noch nie eine Frühaufsteherin gewesen, aber in letzter Zeit musste Claire sie regelrecht aus dem Bett zerren, wenn der Wecker klingelte, und sie fühlte sich seltsam matt und geistesabwesend. Sie war schon immer mehr ein Nachtmensch gewesen, aber das, was sie jetzt erlebte, war lächerlich. Oder es wäre lächerlich gewesen, wenn es nicht so furchteinflößend gewesen wäre. Erst mit der Abenddämmerung lebte sie auf, und das in einem Maß, das Alix sehr erschreckend fand. Nachts waren ihre Gedanken klar, aber am Tag musste sie darauf achten, nicht zu offensichtlich werden zu lassen, dass etwas nicht stimmte. Merkwürdigerweise hatte sie aber eigentlich gar nicht das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war. Es ging ihr gut, ihre Affinität zur Nacht schien so richtig zu sein, so natürlich.

Alix lehnte den Kopf gegen die lederne Nackenstütze des Vordersitzes in ihrem Mustang. Sie konnte das Salz und die Gischt des Meeres riechen und sogar auf der Zunge schmecken. Noch ein Vorteil der Nacht: Der Smog, der am Tage herrschte, wurde von der abendlichen Brise aus der Stadt getrieben. Noch stärker war es, wenn es geregnet hatte und die Luft so klar war wie im Augenblick. Dann konnte sie den Ozean so intensiv riechen, als ob sie direkt am Strand stände. Dabei lag Jayes Haus ein gutes Stück vom Meer entfernt. Dennoch, wenn sie sich anstrengte, meinte sie sogar das leise Grollen der Wellen zu vernehmen, die gegen die Felsen brandeten.

Alix blinzelte und rief sich selbst zur Ordnung. Es war unmöglich, von hier aus das Meer zu hören. Und noch während sie das dachte, verstummte dieser Sinneseindruck und sie bannte ihn damit wirkungsvoll ins Reich der Fantasie.

Sie sah zu Jayes Haus hinüber. Dort brannte noch Licht. Mit Sicherheit hatte Jaye das Schnurren des hochgezüchteten V8-Motors gehört und es gab nicht viele Autos in der Stadt, die so klangen. Doch sie nahm an, dass Jaye in jedem Fall gespürt hätte, dass sie da war. Eine ihrer Eigenschaften bestand darin, dass sie immer zu wissen schien, wann Alix bei ihr auftauchte.

Alix zog den Zündschlüssel ab und stieg aus dem Mustang, ehe Jaye noch auf die Idee kam, sie ins Haus zu holen, mit diesem kleinen, süffisanten Lächeln auf den Lippen, welches sie bei solchen Gelegenheiten gerne zeigte. Jaye ließ ihr immer sehr viel Zeit, ehe sie sich entschloss, Alix aus ihren Gedanken zu reißen. Das war etwas, das die Ermittlerin schätzte. Die stillen Minuten, die sie im Auto sitzend vor Jayes Haus verbrachte, waren gut für sie. Es waren Momente, in denen sie ganz und gar in ihren Gedanken versinken konnte, ohne dass jemand sie dabei störte.

Es hätte Alix gewundert, wenn sie gewusst hätte, dass Jaye diese Zeit, die sie vor ihrem Haus verbrachte, bevor sie an die Tür kam, als Alix senkt die Schilde bezeichnete. Sie musste nicht klingeln, was ihr bewies, dass Jaye sie tatsächlich erwartete, ob sie nun von den Motorgeräuschen vorgewarnt worden war oder sie mit einer Art von siebtem Sinn wahrgenommen hatte.

„Jaye.“ Alix schenkte der Frau, die ihr die Tür öffnete, ein warmes Lächeln. Die Psychiaterin war ein ganzes Stück kleiner als Alix und der seidene Morgenrock, den sie trug, umschmeichelte ihre weiblichen Formen. Alix kam erst jetzt auf den Gedanken, dass sie Jaye womöglich aus dem Schlaf gerissen hatte. Ihr braunes Haar, welches sonst in einem modischen Stil ihr Gesicht umschmeichelte, wirkte zerzaust, was aber durchaus einen reizvollen Effekt hatte.

Alix musste unwillkürlich lächeln und sie streckte die Hand aus, um sanft eine der widerspenstigen Haarsträhnen zurückzustreichen. „Ich hoffe, ich habe dich nicht aus dem Schlaf gerissen.“ Jayes warme, bernsteinfarbene Augen hinter der Brille wirkten jedoch sehr wach, auch wenn das nicht unbedingt bedeutete, dass sie sie nicht aus dem Schlaf gerissen hatte. Jaye wirkte immer sehr wach.

„Keine Bange, Alix.“ Jaye lächelte zu ihr auf und griff nach ihrer Hand, um sie vollends ins Haus zu ziehen. „Ich war noch voll und ganz in meine Studien vertieft.“ Sie strich sich mit einer fahrigen Geste durch die braunen Strähnen. „Und der Stoff ist wirklich zum Haareraufen.“

Alix runzelte die Stirn. Sie wusste, womit sich Jaye beschäftigte. Im Grunde studierte sie seit zwei Jahren nichts anderes, seit sie ihre Praxis aufgegeben hatte und nicht mehr als Psychiaterin tätig war. Ein herber Verlust für ihre Patientinnen und Patienten sowie für das Los Angeles Police Department, für das sie in beratender Funktion tätig gewesen war.

Andererseits hätte Jaye eigentlich seit zwei Jahren in einer Gefängniszelle sitzen müssen, wenn nicht gar in der Todeszelle, und es wäre Alix’ Aufgabe gewesen, dafür zu sorgen. Wenn sie Jaye anblickte, konnte sie bis heute nicht glauben, dass ihre Freundin Menschen getötet haben sollte. Zwar hatten ihre Taten durchaus den Geschmack von Gerechtigkeit gehabt, aber in ihrem Job durfte man Selbstjustiz nicht gutheißen. Es hatte sie in den Grundfesten ihrer Seele erschüttert, diese andere Seite von Jaye, die diese so gut unter Verschluss gehalten hatte, entdecken zu müssen. Und manchmal, wenn sie besonders finsterer Stimmung war, musste sie daran denken, dass ihre Freundin, die ihr immer so stark, so geistig gesund und so in sich ruhend erschienen war, womöglich ernsthaft geistesgestört war.

Doch wenn Jaye wahnsinnig war, dann konnte man auch Alix die geistige Gesundheit absprechen. Die merkwürdigen Geschehnisse, die vor zwei Jahren stattgefunden hatten, hatten ihren Horizont, was unglaubliche Ereignisse und Wahnsinn betraf, um Erfahrungen erweitert, die sie niemals hatte machen wollen. Sie erinnerte sich noch genau an die Löcher in Carmillas weißem Hemd. Die Löcher, die Claires Dienstwaffe hinterlassen hatte. Kleine schwarze Löcher, von ein wenig Rot gesäumt.

Claire hatte sich selbst inzwischen völlig davon überzeugt, dass Carmilla eine kugelsichere Weste getragen hatte. Alix hingegen konnte sich noch an das Gefühl von Carmillas Brüsten erinnern, die sich zuvor noch gegen ihre eigenen gedrückt hatten. Da war keine Weste gewesen. Außerdem hatten ein paar winzige Blutstropfen den Weg gesprenkelt, den Carmilla zurückgelegt hatte, nachdem Claire auf sie geschossen hatte. Es gab noch viel mehr, was nicht mit dem Verstand zu erklären war. Es gab noch viel mehr, was Alix dazu bringen konnte, an ihrem eigenen Verstand zu zweifeln. Falls Jaye geisteskrank war, dann war sie selbst es erst recht.

Alix verscheuchte die unguten Gedanken. Sie bemerkte den wachsamen Blick, mit dem Jaye sie musterte, und ahnte, dass die Psychologin nur zu gut ahnte, woran sie dachte. Was vor zwei Jahren geschehen war, hatte ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Und obwohl Alix es selbst nicht wahrhaben wollte, hatte es etwas zwischen ihnen verändert.

Nur wusste sie nicht genau, was es war. Es herrschte eine andere Energie zwischen ihnen, manchmal war da eine Art von unsichtbarer Spannung, die es früher nie gegeben hatte. Das Merkwürdige daran war, dass es nicht unbedingt eine unangenehme Spannung war. Es fühlte sich so an, als würden sie beide auf etwas warten, von dem sie nicht einmal ahnten, was es war.

„Du bist noch spät unterwegs.“ Jaye hielt noch immer Alix’ Hand und führte sie ins Wohnzimmer. Alix ließ sich auf die bequeme Ledercouch fallen und kickte ihre Turnschuhe in den Raum.

Jaye lächelte über diese Geste, die so viel Vertrautes an sich hatte und so deutlich bewies, wie heimisch sich Alix bei ihr fühlte.

Alix warf einen Blick auf ihre Turnschuhe und hätte sie fast wieder eingesammelt und aus dem Weg geräumt. Claire schätzte es nicht sonderlich, wenn sie über Alix’ Schuhe stolperte, aber die großgewachsene Ermittlerin erinnerte sich daran, dass Jaye das normalerweise nur mit einem nachsichtigen Lächeln quittierte und sich noch nie daran gestört hatte. Alix schielte auf ihre Armbanduhr. Es war schon kurz vor Mitternacht, aber sie war nicht müde, sondern im Gegenteil munter, fast schon aufgedreht.

Claire erklärte ihre Müdigkeit am Tage damit, dass sie nie früh genug ins Bett ging. Und damit hatte sie wohl durchaus Recht, denn außer wenn sie sich liebten, fand Alix selten vor dem Morgengrauen ins Bett. Und wenn sie sich dazu zwang, früher ins Bett zu gehen, dann lag sie schlaflos neben Claire und beobachtete, wie die digitalen Zahlen des Weckers von einer Minute auf die nächste umsprangen.

„Du bist auch noch spät mit deinen Studien beschäftigt.“ Alix warf einen Blick auf Jayes Lieblingssessel, auf dem ein Buch lag, dem man sein Alter ansah. Es wirkte, als würde es ausreichen, es anzupusten, um es theatralisch zu Staub zerfallen zu lassen.

Jaye rückte den Sessel näher an Alix heran. Sie hob das alte Werk mit einer fast ehrfürchtigen Vorsicht auf und legte es auf den kleinen Beistelltisch neben der Couch.

Alix warf einen Blick auf den ledernen, stockfleckigen Einband. Dicke Metallspangen, die der Zahn der Zeit rostig genagt hatte, umgaben das Buch. Die Spangen und Schließen deuteten darauf hin, dass nur auserwählte Menschen Zugriff darauf gehabt hatten.

Alix ließ den Zeigefinger über die eingeprägten Buchstaben wandern. Allerdings entzogen sie sich ihrem Verständnis, die Sprache sah für sie wie Lateinisch oder möglicherweise auch Altgriechisch aus.

Jaye legte den Kopf schief. „Es ist ein ziemlich faszinierendes Studienfeld, das sich da auftut.“ Sie beobachtete Alix dabei, wie sie mit dem Zeigefinger über die geprägten Lettern strich. „Und es kostet immens Zeit, ein Buch zu lesen, das komplett in Latein verfasst ist.“ Sie lächelte. „Mein alter Lateinprofessor an der Universität bekäme einen Herzinfarkt, wenn er wüsste, dass ich mich heutzutage freiwillig mit Latein befasse. Ich war damals keine sonderlich enthusiastische Schülerin. Inzwischen bereue ich das. Es ist wirklich so eine faszinierende Sprache, wie der gute Professor immer behauptet hat.“

„Es sieht aus, als hätte seit tausend Jahren keiner mehr darin gelesen.“ Ein schwacher Geruch nach Schimmel und Moder ging von dem Buch aus, den Alix mit Alter assoziierte.

„Es ist wirklich alt.“ Jaye schob ihre Brille auf der Nase höher, eine Geste, die Alix schon immer reizend gefunden hatte. So niedlich intellektuell.

Proelium Hirudini.“ Jaye nickte zu dem Buch hinüber.

Alix hob eine Augenbraue. „Aha, lass mich raten, es geht irgendwie um Vampire.“ In ihrer Stimme schwang mehr als ein Hauch von Ironie mit. Seit den Geschehnissen vor zwei Jahren beschäftigte sich Jaye mit diesem Thema. Sie lebte momentan von dem Vermögen, das ihr verstorbener Mann ihr hinterlassen hatte, und manchmal hatte Alix das Gefühl, dass Jaye glücklich darüber war, die Psychiatrie an den Nagel gehängt zu haben.

Jaye maß die dunkelhaarige Frau mit einem abschätzenden Blick. Sie wusste, dass Alix ihre Studien mit einiger Besorgnis sah. Manchmal war in den ausdrucksstarken hellblauen Augen ihrer Freundin die Sorge sehr deutlich zu sehen. Die bange Frage, ob sie möglicherweise den Verstand verloren hatte.

Jaye konnte es verstehen. Sie fragte sich selbst manchmal, ob das nicht vielleicht tatsächlich der Fall war. Aber sie fühlte sich geistig gesünder denn je. Wobei womöglich gerade dieser Eindruck dagegen sprach, dass sie normal war, wie sie sich mit einem Lächeln selbst eingestand. Alix sah ihr Studium jedoch nicht nur mit Besorgnis, sondern auch manchmal mit unverhohlenem Unbehagen. So als fürchte sie das Ergebnis, zu dem Jaye eventuell eines Tages kommen würde.

„Es ist nie gedruckt worden. Mönche haben nur wenige, handschriftliche Kopien davon angefertigt. Es ist sozusagen die zweite Bibel für einen katholischen Geheimorden.“ Jaye maß Alix mit einem aufmerksamen Blick. „Proelium Hirudini. Kampf dem Vampir.“

Alix war sich nicht sicher, ob sie überhaupt etwas davon hören wollte. Claires Weg, alles, was damals geschehen war und sich nicht erklären ließ, zu verdrängen, erschien ihr reizvoll. Nur ging es nicht so einfach, nicht bei ihr, nicht bei ihren Träumen, nicht, wenn sie manchmal meinte, das Lachen von Carmilla hören zu können.

„Und, was haben Sie dabei herausgefunden, Dr. Van Helsing?“ Alix’ Spott war nur aufgesetzt. Jaye konnte in ihren Augen sehen, dass sich darunter Furcht verbarg, die Alix selbst als irrational empfand. Wenn man sich allerdings auf das einließ, was sie seit zwei Jahren zu studieren versuchte, dann war es gar nicht so vernunftwidrig.

„Ich bin noch nicht sehr weit vorgedrungen. Es ist schwierig genug, Latein zu übersetzen, und noch dazu sprechen wir von einem handschriftlichen Text. Was ich bisher mit Sicherheit sagen kann, ist, dass bis zum heutigen Tag ein christlicher Geheimorden existiert, der nicht nur an Vampire glaubt, sondern sie auch bekämpft.“

Jaye lehnte sich nach vorn und griff wieder nach Alix’ Hand. „Du darfst nicht einfach all das wegschieben, nur weil es keine Erklärung dafür gibt, die in deinen bisherigen Erfahrungsspielraum passen. Nur weil in unsere ach so moderne Kultur Vampire nicht passen, heißt es nicht, dass es sie nicht womöglich doch gibt.“

Alix starrte Jaye an. „Du glaubst wirklich daran?“ Das schockierte sie. Jaye war immer ihr Fels in der Brandung gewesen. Wann immer sie das Gefühl gehabt hatte, an ihrem Verstand zweifeln zu müssen, war da Jaye gewesen, die ihr den Kopf wieder zurechtgerückt hatte.

Jaye schüttelte langsam den Kopf und wählte ihre Worte mit großem Bedacht. Es schien, als hätte sie sich selbst gerade diese Frage in letzter Zeit sehr oft gestellt. „Nein. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass unter uns Menschen insgeheim eine andere Rasse lebt, oder mehr noch, von uns lebt. Es müsste längst ein Exemplar dieser Spezies in die Hände der Wissenschaft gefallen sein, wenn es sie denn gäbe.“

„Sie sind extrem vorsichtig.“ Alix dachte an Carmilla und wie logisch sich alles ab einem gewissen Punkt angehört hatte. Dafür war es allerdings nötig, zuerst den großen Brocken zu schlucken, dass man an Vampire glaubte.

Jaye war nicht entgangen, was Alix ihr gerade eingestanden hatte, nämlich dass sie durchaus an die Existenz von Vampiren glaubte. „Aber selbst dann müsste das schon längst bekannt geworden sein.“

Alix schüttelte den Kopf. „Aber sie sind uns ja bekannt. Es gibt unzählige Bücher über sie, es gibt jede Menge Filme. Wie kann es sein, dass all das nur der Fantasie entsprungen ist? Nahezu in allen Ländern und Kulturkreisen gibt es Mythen über Vampire. Heißt es nicht, dass jede Volkserzählung auf einem wahren Kern beruht?“

Jaye nahm die Brille ab und rieb sich müde über die Augen. „Ja, nur ist der wahre Kern vermutlich lediglich die Unwissenheit der Menschen, die zu der Zeit lebten, in der die Mythen entstanden.“

„Lässt es sich wirklich darauf reduzieren?“ Alix fragte sich, ob Jaye nicht versuchte, sich selbst zu überzeugen, dass nicht mehr daran war.

„Es gibt bestimmte Krankheiten, die heutzutage erforscht sind, die aber vor ein paar Jahrhunderten die abergläubischen Menschen noch in Schrecken versetzt haben. Früher wurde das Schlafwandeln als dämonische Besessenheit interpretiert. Die Hautkrankheit, die sogenannte Wolfsmenschen hervorbringt, könnte in früheren Zeiten den Glauben an Werwölfe ausgelöst haben. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert wurden massenhaft Gräber ausgehoben und dabei Leichen gefunden, die sich bewegten, denen Blut aus den Augen und Mündern lief, und ähnliche Abscheulichkeiten, die sich heutzutage leicht mit den Verwesungsvorgängen im menschlichen Körper erklären lassen. Damals aber interpretierten die Leute dies als Vampirismus.“ Jaye brach ab und schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich wollte nicht ins Dozieren kommen.“

„Aber erklärt das wirklich alles, Jaye?“ Alix deutete auf den uralten Band. „Wenn ich dich recht verstehe, grassierte der Vampirglaube vor allem im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert?“

Jaye nickte. „Damals herrschte nahezu eine Hysterie und ich halte es auch für gut möglich, dass es zu einer Art von Massenpsychose kam und die Leute die Dinge sahen, die sie sehen wollten.“ Sie seufzte und lächelte Alix erneut an. „Und ich weiß, was du sagen willst. Ja, dieses Buch ist sehr viel älter.“

Alix blickte es wieder an. Sie fand es, gelinde gesagt, unangenehm. Selbst das Leder unter ihren Fingern hatte sich merkwürdig angefühlt und der Modergeruch, den es ausströmte, fing allmählich an, sie wirklich zu stören.

„In den zwei Jahren, die ich mich jetzt schon mit dem Thema beschäftige, ist dieses Werk das einzige, das sich jeglicher logischen, aufgeklärten und wissenschaftlichen Erklärung entzieht. Alles andere lässt sich irgendwie erklären, dieses Buch jedoch …“ Jaye deutete darauf und schüttelte dann den Kopf. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, was ich damit anfangen soll.“

„Und wo hast du es her?“ Alix hatte den Eindruck, dass es aus irgendeiner verlassenen Kirchengruft stammen musste. Sie glaubte kaum, dass Jaye es bei einem Auktionshaus im Internet ersteigert hatte.

Jaye lächelte süffisant. „Ich habe so meine Quellen.“

„So, ich dachte, du vergnügst dich nur mit kleinen Streifenpolizisten?“ Bei dieser schalkhaften Bemerkung wurde Alix bewusst, dass Jaye schon eine ganze Weile keine ihrer flüchtigen Affären mehr gehabt hatte. Zumindest nicht ihres Wissens.

„Meine Quelle ist ein alter Studienkollege, der später Priester geworden ist und das Zölibat sehr ernst nimmt. Außerdem war er nie mein Typ.“ Jayes Tonfall war leicht und neckend, aber darunter lag etwas anderes. Alix sah in die bernsteinfarbenen Augen ihrer Freundin und kurz stand zwischen ihnen diese merkwürdige Spannung, die es früher nicht gegeben hatte.

Jaye hatte das ganze Gespräch über Alix’ Hand gehalten, was durchaus nicht ungewöhnlich war, denn ihre Freundschaft war schon seit jeher von einer starken Körperlichkeit geprägt gewesen. Jetzt zitterten die schlanken, feinnervigen Finger in Alix’ Hand und Jaye entzog sie ihr abrupt. Sie tarnte diesen Rückzug, indem sie sich erneut fahrig durch das Haar strich, aber Alix erkannte es als das, was es in Wirklichkeit war. Jaye zog sich vor ihr zurück. Das war ungewöhnlich und verwirrte die Ermittlerin.

Irgendetwas stand seit einer Weile zwischen ihnen. Lag es daran, dass sie Polizistin war und Jayes Geheimnis kannte? Lag es daran, dass Jaye hin und wieder daran dachte, dass Alix sie noch immer ins Gefängnis bringen könnte? Abgesehen davon, dass in Kalifornien die Todesstrafe existierte und Jayes Leben buchstäblich von ihrem Schweigen abhängen konnte.

Vertraute sie ihr so wenig? Alix verneinte diese Fragen für sich selbst. Jaye vertraute ihr, daran hatte sich nichts verändert, etwas anderes nagte an ihr, etwas anderes stand unausgesprochen zwischen ihnen.

„Und dieser Theologe hat dich zu dem Buch geführt?“ Mit ihrer Frage begab sich Alix wieder auf sicheres Terrain. Im Moment wollte sie nicht weiter darüber nachdenken, was sich zwischen Jaye und ihr verändert hatte.

„Er hat mir einen Kontakt vermittelt, zu einem alten Professor der kirchlichen Geschichte. Eigentlich sind sein Hauptthema die Templer und die Kreuzzüge, aber er ist bei seinen Studien auch auf andere Geheimorden der Kirche gestoßen. Er hat mir den Kontakt zu einem Mann vermittelt, der mit alten religiösen Artefakten handelt, und von ihm habe ich das Buch.“ Alix hatte den Eindruck, dass Jaye ihr nur einen Teil dieser Transaktion beschrieb. Sie hatte das starke Gefühl, dass diese ganze Sache höchst illegal gewesen war.

„Ich schätze mal, es war nicht gerade billig.“ Alix betrachtete den alten Wälzer erneut mit Unbehagen. Er lag da wie totes Aas, das zum Himmel stank. Irgendetwas daran brachte ihre Sinne zum Vibrieren, in sehr unangenehmer Weise.

„Nein, wirklich nicht.“ Jayes Stimme hatte einen Tonfall angenommen, der darauf hinwies, dass sie hier von einer Summe sprach, die Alix womöglich in einem Jahr Polizeiarbeit nicht verdiente.

Alix räusperte sich. Sie wollte endlich das Thema wechseln. „Und was hast du nun vor? Weiter Van Helsing spielen oder wirst du wieder anfangen zu praktizieren?“

Jaye entging nicht die Spur von Aggressivität, die in Alix’ Worten lag. „Du weißt, dass ich nicht mehr praktizieren sollte.“ Über die Gründe, warum das der Fall war, hatten sie in den vergangenen zwei Jahren nicht oft gesprochen, dieses Thema war zwischen ihnen mit erstaunlicher Beharrlichkeit totgeschwiegen worden.

„Dem Department fehlt deine Beratung.“ Alix blickte Jaye in die Augen. „Mir fehlt sie.“

„Du weißt, dass du mich inoffiziell immer um Rat fragen kannst, wenn du an einem Fall arbeitest.“ Jaye wusste, dass es Alix nicht gestattet war, Außenstehende in laufende Ermittlungen einzuweihen, aber so genau hatte sich ihre Freundin noch nie an die Regeln gehalten und sie hätte Alix auch nie einen Grund gegeben, ihr Vertrauen in sie zu bereuen.

Alix kniff die Augen zusammen und rieb sich die Nasenwurzel. Auf ihrer Stirn stand die steile Falte, die sich dort immer zeigte, wenn sie angestrengt nachdachte oder wütend war, oder auch beides.

„Es geht um die Mordserie?“ Jaye sah, wie Alix’ Augen sich weiteten und wie sich dann ein Funke von Misstrauen in ihre Augen schlich. Das schmerzte sie, so etwas hatte es früher zwischen ihnen nicht gegeben. Doch Jaye konnte es Alix nicht verübeln. Sie selbst hätte an ihrer Stelle sicherlich genauso reagiert.

„Woher weißt du, dass es um eine Serie geht?“ Alix fühlte, wie ihre Ermittlerinnensinne ansprangen, und das erschreckte sie.

Jaye verdrehte die Augen. „Alix, ich bin nicht auf den Kopf gefallen! Ich lese Zeitung und sehe Nachrichtensendungen. Die drei bestialischen Morde der letzten acht Tage waren das Topthema. Sie fangen schon an, von einem ‚Jack the Ripper von Los Angeles‘ zu reden, was beweist, dass die Nachrichtenleute nicht sonderlich fantasiebegabt sind. Außer der Brutalität gibt es keine Gemeinsamkeiten mit Jack the Ripper. Es sei denn, die Opfer wären wirklich Prostituierte gewesen.“

„Nein, so eine Verbindung gibt es nicht. Im Grunde gibt es bisher gar keinen Anhaltspunkt für Gemeinsamkeiten.“ Alix hatte das Gefühl, vom Regen in die Traufe geraten zu sein. Von einem unangenehmen Thema zum anderen.

„Es ist aber eine Serie?“ Jaye bemerkte das Zögern der Polizistin und beugte sich wieder vor. Sie strich mit den Fingerspitzen zart über Alix’ Wange. „Hey, ich war es nicht und ich habe zumindest für einen der Morde ein hieb- und stichfestes Alibi, das du überprüfen kannst.“

Alix sah sie mit einem so gepeinigten Ausdruck in den Augen an, dass Jaye ihre Worte fast schon wieder bereute, auch wenn sie ihr Alibi nur zur Sprache gebracht hatte, um Alix die Frage danach zu ersparen.

„Ich weiß, dass du nicht die Mörderin bist.“ Alix sprach mit Überzeugung. Es tat ihr weh, dass Jaye annahm, sie hätte wirklich daran gedacht.

Jaye blickte Alix an. Sie waren einander so nah, dass Jaye sah, wie Alix unwillkürlich anfing, ein klein wenig zu schielen, bei dem Versuch, ihr in die Augen zu sehen. Das fand Jaye so süß, dass sie die Hand hob und Alix erneut über die Wange streichelte.

Ein paar Augenblicke verstrichen, bis in Alix’ Augen ein verwunderter Ausdruck trat. Jaye wich wieder zurück. Sie war selbst irritiert und nicht in der Lage zu bestimmen, was zwischen ihnen vorging.

„Danke, Alix.“ Jaye war wirklich erleichtert. „Wir haben nicht oft darüber gesprochen, was damals geschehen ist.“

Alix schauderte. „Nein, das haben wir nicht.“

Jaye lächelte, aber es war ein bitteres Lächeln, welches die schmalen Falten an ihren Mundwinkeln vertiefte. „Und du willst das auch nicht.“

Alix nickte. Sie wusste nicht genau, warum sie das nicht wollte. Vielleicht, weil sie, tief in ihrem Herzen, immer noch nicht glauben wollte, dass Jaye vier Menschen getötet hatte. Und einer davon hatte sogar zu Alix’ Team gehört. Sie wollte nicht daran denken, dass sie sich in Marcus Lesall getäuscht hatte und Jaye ihn erschossen hatte. Ganz zu schweigen davon, dass sie nicht darüber nachdenken konnte und wollte, wie eine so warmherzige, so liebevolle und wunderbare Person wie Jaye es fertiggebracht hatte, Menschen auf grausame Weise zu töten. Zwar hatten all diese Männer schreckliche Verbrechen begangen und die Art ihres Todes hatte diese widergespiegelt, aber dennoch war es unvereinbar. Jaye und die Morde, das passte nicht zusammen, es passte nicht zu dem, was sie über ihre Freundin dachte, was sie für sie empfand.

Gab es wirklich in Jaye eine andere Seite, eine finstere Seite, die derartig gewalttätig werden konnte, wenn nur ihrem Sinn für Rache und Gerechtigkeit geweckt wurde? Und wenn man über finstere Seiten nachdachte, wie sah es dann mit ihrer eigenen aus? Mit dem Teil ihrer Seele, der den Taten des Serienmörders damals zugestimmt hatte? Wie oft hatte sie bei den Ermittlungen das Gefühl gehabt, sie selbst könnte auch zu so etwas fähig sein, wäre da nicht noch der hauchdünne Faden, der sie an das Gesetz band, an das, worauf sie ihren Treueid geleistet hatte?

Trennte Jaye ihre helle und ihre dunkle Seite womöglich noch konsequenter und stärker voneinander, als es bei Alix selbst der Fall war? Und wenn ja, wann würde die dunkle Seite wieder an Macht gewinnen?

Jaye hatte ihr geschworen, nie wieder etwas in der Art zu tun, nie wieder zu töten. Sie hatte auch davon gesprochen, dass der Zwang zu töten verschwunden sei. Er war mit Carmilla verschwunden. Alix erinnerte sich noch sehr genau an die Worte der blondgelockten Frau, darüber, dass manche Menschen die Anwesenheit von Vampiren fühlen würden und dass es immer wieder welche darunter gäbe, die, ausgelöst von diesen Schwingungen, Morde begingen.

Alix hatte keine Sekunde lang überlegt, ob Jaye in die neuen Serienmorde verwickelt sein könnte, einfach weil sie nicht ihrem Profil entsprachen. Doch in den vergangenen zwei Jahren hatte sie bei jedem Mordfall, bei dem das Opfer einen Hintergrund als Vergewaltiger oder Missbrauchstäter aufwies, unwillkürlich darüber nachgedacht, ob Jaye wieder angefangen hatte.

Ihre Furcht war jedes Mal unbegründet gewesen, aber allein diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen, war eine ausgesprochen schmerzliche Angelegenheit. Hätte Jaye nicht aufgehört, dann hätte sie nicht anders gekonnt, als ihre Freundin zu verhaften. Auch so konnte sie keine Rechtfertigung dafür finden, warum sie es nicht getan hatte. Es wäre ihre Pflicht gewesen. Nach dem Buchstaben des Gesetzes. Nach den Paragraphen, auf die sie ihren Eid geschworen hatte. Aber was war ihr dieser Schwur noch wert? In den Jahren bei der Polizei hatte sie daran zu zweifeln begonnen. Und was waren die Paragraphen im Endeffekt anderes als leblose, tote Worte?

Jaye hingegen war lebendig. Die Psychiaterin war immer für sie da gewesen. Jaye war ihr Fels in der Brandung und hatte sie nie verurteilt, egal, was Alix auch getan hatte. Wie hätte sie selbst Jaye dann verurteilen können?

Mehr noch, wie hätte sie zulassen können, dass ihre Freundin vor Gericht gestellt wurde, in einem Prozess, an dessen Ende ein Schuldspruch hätte stehen können, der sie zum Tode verurteilte? Jaye hatte mit dem Morden aufgehört und nur das allein bewahrte Alix davor, herausfinden zu müssen, ob sie wirklich fähig gewesen wäre, sie aufzuhalten.

So war es zu einem Geheimnis geworden, welches nur Jaye und sie teilten, aber es war kein gutes Geheimnis, keins, das ihre Bindung stärkte. Manchmal wünschte sich Alix, sie könnte Claire davon erzählen. Für ihre Partnerin war bis zum heutigen Tag Carmilla die Täterin und Alix hatte nie versucht, sie von etwas anderem zu überzeugen. Und sie würde Claire, egal, wie sehr sie die rothaarige Frau auch liebte, nie erzählen können, was Jaye getan hatte. Claire mochte Jaye, auch wenn sich manchmal ein Funke von Eifersucht in die Beziehung zwischen den Frauen schlich. Doch egal, wie groß Claires Sympathie für die Psychiaterin auch sein mochte, Alix wusste, dass ihre Geliebte nicht gezögert hätte, Jaye zu verhaften.

„Ich sollte nach Hause fahren.“ Alix blickte auf die Uhr. Claire würde es nicht gefallen, dass sie schon wieder so spät ins Bett ging.

„Ehe dein eifersüchtiger kleiner Teufel mir an die Kehle geht?“, fragte Jaye scherzhaft, auch wenn in ihren Worten ein wenig Ernst mitklang.

„Und wer würde das schon wollen?“ Alix lächelte, aber es war nur ein schwacher Abklatsch ihres strahlenden Lächelns, das Jaye so liebte.

„Ist zwischen Claire und dir alles in Ordnung?“ Jaye fragte sich, ob Alix nicht aus einem anderen Grund zu ihr gekommen war, als über Vampire zu reden. Sie waren mehr oder weniger in diese unangenehmen Themen hineingestolpert und vielleicht hatte ihrer Freundin eigentlich etwas ganz anderes auf der Seele gelegen.

„Ja.“ Alix zuckte mit den Schultern. „Manchmal finde ich es sogar ziemlich scharf, dass sie so eifersüchtig sein kann.“

„Aber manchmal geht es dir auch auf die Nerven.“ Das war eine Feststellung und keine Frage.

Die Polizistin seufzte, während sie sich erhob und in ihre Turnschuhe schlüpfte. „Claire ist noch immer nicht über Carmilla hinweg.“

Jaye begleitete Alix zur Tür. „Kannst du ihr das verdenken?“

Alix schüttelte den Kopf. „Nein, nicht, wenn ich fair sein will.“

Jaye biss sich leicht auf die volle Unterlippe, ein Zeichen, dass sie nicht wusste, ob sie die nächste Frage überhaupt stellen sollte. „Und was ist mit dir?“

Alix sah sie verwundert an. „Inwiefern?“

Die Psychologin blickte ihr tief in die Augen, bis in die Tiefen ihrer Seele, wo es keinen Raum für Ausflüchte gab, keine halbgaren Lügen. „Bist du über Carmilla hinweg?“

Alix lächelte wehmütig und küsste Jaye zum Abschied auf die Stirn. „Du kennst die Antwort.“

Jaye sah ihrer hochgewachsenen Freundin nach. Natürlich kannte sie die Antwort, sie stand Alix im Gesicht geschrieben. Sie war in ihren eisblauen Augen zu erkennen und sie war ihr buchstäblich auf den Leib geschrieben, mit zwei kleinen, blassen Narben an ihrem Hals. Über Carmilla würde Alix nie hinweg sein.

Sie war in ihrem Blut.

 

 

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