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Der dunkle Kuß der Nacht

PROLOG

 

Mondlicht spiegelte sich auf dem unbeweglichen, kalten Auge. Es beobachtete, es konsumierte den Tod, der sich ihm bot, ohne Mitleid, ohne Gnade. Ein stummer Zeuge eines langsamen Todes.

Ein Zittern lief durch den Körper des Mannes, ihm wurde zunehmend kälter. Der Schmerz, der ihn hatte schreien lassen, bis seine Kehle keine Töne mehr produziert hatte, war vorbei, die Konsequenz der Kälte, die diesen Schmerz lähmte, sickerte nun langsam in seinen Verstand. Er wußte, was nach der Kälte kommen würde.

Seine Augenlider flatterten wie nervöse Motten, die das letzte Licht einer Glühbirne umkreisten, ehe sie sich glimmend in diesen Tod stürzten. Er fühlte die Nässe zwischen seinen Beinen, die Wärme, die sein Blut immer noch besaß, und sah, wie sich Mondlicht in der Pfütze sammelte, die sich um ihn gebildet hatte. Im fahlen Schein wirkte das Blut fast schwarz, glänzte wie eine ölige Fläche.

Schwäche bemächtigte sich seines Körpers, er fühlte, wie der Draht, der seine Hände an den Türknauf der verlassenen Fabrik band, tiefer in sein Fleisch schnitt. Der Draht, der verhinderte, daß er zu Boden stürzte, sich zu seinem erkaltenden Blut gesellte. Es kostete ihn unendliche Kraft, den Kopf zu heben, um in dieses kalte, unbewegliche Auge zu starren.

Die Gestalt, die neben der Kamera stand, gehüllt in die Schatten der Nacht, beobachtete schweigend den Todeskampf des Mannes. Sie nahm jedes Zucken und Zittern wahr, diesen speziellen Tanz in den Tod, den ein sterbender Körper durchlief, ehe alle Kraft und alles Leben aus ihm wich.

Das leise Röcheln des Mannes verklang, seine Atemzüge wurden schwächer. Seine Augen waren aufgerissen, und er starrte angsterfüllt noch immer direkt in die Kamera, die stille Gestalt daneben ignorierte er. So als erwarte er eher Mitleid in der mechanischen Linse zu finden als in den Augen seines Mörders.

Seine Stiefelspitzen scharrten in einem letzten Krampf über den Boden, dann sank sein Kinn auf das Brustbein, und er hing nun mit seinem vollen Gewicht an der Drahtschlinge, die seine Handgelenke an die Tür banden. Auf den Knien, in seinem eigenen Blut, in dem sich der Mond spiegelte.

Die vermummte Gestalt, ein dunkler Schatten in den Schattengewölben der Nacht, stand weiterhin unbeweglich in der Seitenstraße. Nur das leise Sirren der Videokamera drang an ihr Ohr, und die entfernteren Geräusche der Stadt.

Die Gestalt legte den Kopf schief, lauschte den Geräuschen, die so viel deutlicher als zuvor an ihr Ohr zu dringen schienen. Dem Lärm der Hauptstraße, nur ein paar Blocks entfernt, wo das nächtliche Leben von Los Angeles pulsierte. Der Musik, die durch die Wände des Clubs drangen, dessen Hinterausgang in diese Seitengasse mündete.

Aggressive Musik, die im Blut pochte, die einen Rhythmus des Lebens durch die Adern strömen ließ. Die Gestalt schloß die Augen, nicht um das Bild, welches sich ihr bot, auszublenden, sondern vielmehr um es mit sich in die Dunkelheit hinter den Augenlidern zu nehmen. Sie bewegte sich mit den gedämpften Klängen der Musik. Sie hatte nicht gedacht, daß es so gut sein würde.

Ein Lächeln zuckte in der Finsternis auf, und die Gestalt öffnete die Augen. Ihre Fingerspitzen, in feines Leder gehüllt, strichen liebkosend über die Kanten der Kamera, die ihr stummer Verbündeter gewesen war, ihr Zeuge, ihr Komplize.

Die Finger berührten die Taste, um die Aufnahme zu stoppen, es war nicht nötig, mehr aufzuzeichnen. Die Gestalt verharrte, der Impuls, die Kassette mitzunehmen war mächtig. Sie zog die Finger zurück, als hätte sie sich verbrannt.

Mit einem letzten Blick auf den toten Mann drehte sich die dunkle Gestalt um. Sie schritt langsam aus der Seitengasse, die Sohlen der Turnschuhe erzeugten kaum ein Geräusch auf dem Asphalt. In dieser Gasse war die Gestalt ein Schatten gewesen, nun war sie bereit zurückzukehren, in die Helligkeit, in das pulsierende Leben.


I

 

Das erste Licht des Tages versuchte sich durch die kleinen Lücken in den Rolläden zu kämpfen. Selbst wenn es ein Lichtstrahl geschafft hätte, sich seinen Weg zu bahnen, hätte er mit Sicherheit keine Chance gehabt, die Gestalt zu wecken, die in dem zerwühlten Doppelbett lag. Ein Kissen über den Kopf gezogen, die Bettdecke um ihren Körper gewickelt, bot sie verblüffende Ähnlichkeit mit einer Mumie. Außer ein paar schwarzen Haarbüscheln war nichts in Gefahr, dem Licht des Tages ausgesetzt zu werden.

Das schrille Klingeln des Telefons neben dem Bett ließ ein Zucken durch den unordentlichen Haufen aus Bettdecke und Mensch gehen. Zwei lange Arme befreiten sich aus dem Gewirr der Bettdecke und drückten das Kissen fester um ihre Ohren. Das Klingeln des Telefons ließ sich dadurch wenig beeindrucken.

Ein gedämpfter, frustrierter Klang drang aus den Tiefen des Kissens. Einer der langen, leicht gebräunten Arme griff nun nach dem Hörer und zog ihn mit sich unter die Decke. Weitere gedämpfte Laute drangen unter dem Kissen hervor.

„Wo?“ Mit diesem Wort tauchte der Kopf aus dem Kissen auf und warf es damit auf den Boden.

„Ich bin in einer halben Stunde dort, die Spurensicherung soll warten, ich möchte mir gerne ein Bild von Tatort machen.“ Lange, schmale, aber dennoch kräftige Finger strichen durch den dichten, zerzausten, schwarzen Haarschopf, und eine kleine, steile Unmutsfalte bildete sich auf der Stirn der Frau, als sie den Worten lauschte, die am anderen Ende der Leitung gesprochen wurden.

„Ich weiß, daß du weißt, was ich will, Marcus, dennoch sage ich es lieber, als daß nachher einer von uns meine schlechte Laune ausbügeln muß, und das wärst im Zweifelsfall du.“ Sie versuchte sich von der Bettdecke zu befreien und gleichzeitig einen Blick auf die Uhr zu werfen.

Es war so früh, daß sie ihr Versprechen von einer halben Stunde halten konnte, noch war der Berufsverkehr in LA in weiter Ferne. Alix Jordan, Lieutenant beim Morddezernat von Los Angeles verabschiedete sich von ihrem Assistenten und legte den Hörer auf.

Endlich war es ihr gelungen, die störrische Bettdecke loszuwerden, und sie schwang ihre langen Beine aus dem Bett. Ein Fluch drang über Alix´ Lippen, als sie in der Dunkelheit in die Pizzaschachtel trat, die noch immer neben dem Bett lag.

„Das kommt davon, daß du so ein geregeltes Leben führst, Jordan“, brummte sie leise vor sich hin und war froh, daß sie die Pizza gestern nacht ganz aufgegessen hatte, sonst würden jetzt die Reste von Anchovis an der Fußsohle kleben, und das konnte jedem den Tag verderben, ehe er noch richtig angefangen hatte.

Alix streckte sich und taumelte ein wenig steifbeinig zum Fenster. Rasch zog sie den Rolladen nach oben und stellte sich tapfer dem hellen Licht des Morgens. Zumindest wenn man das extreme Zusammenkneifen der Augenlider und verhaltene Flüche als Tapferkeit bezeichnen konnte.

„Komm langsam in die Gänge.“ Sie schalt sich selbst, eigentlich hatte sie vorgehabt, mit den Selbstgesprächen aufzuhören, ehe ihre Freundin Jaye ihr deswegen noch eine Therapie anbot.

Alix beeilte sich, unter die Dusche zu kommen, sie wollte ihren Assistenten nicht warten lassen. Jemand hatte die letzte Nacht nicht überlebt, und es war an ihr, herauszufinden, warum dies geschehen war und wer dafür verantwortlich war. Während brave Mitbürger sich jetzt langsam an ihren Frühstückstischen versammeln würden, um sich auf einen weiteren Tag im Hexenkessel des Lebens vorzubereiten, würde sie sich ohne Frühstück auf den Weg machen, um dem Tod ins Antlitz zu blicken.

Wie schon so oft zuvor.

 

* * * * *

 

Die kleine Seitengasse war abgesperrt. Im frühmorgendlichen LA, noch dazu in diesem Teil der Stadt, hatte das Polizeiaufgebot nicht dafür gesorgt, daß sich eine Menschenmenge gebildet hatte. Ein Umstand, den Alix begrüßte. Es war immer wieder frustrierend, wenn sie sich erst einen Weg durch eine gaffende Menschenmenge und Reporter bahnen mußte, ehe sie an einen Tatort gelangte.

Sie parkte ihren verbeulten, schwarzen Mustang in zweiter Reihe, sich sicher, daß niemand ihr einen Strafzettel anhängen würde. Dazu kannte man ihr Auto zu gut. Ihr Mustang hatte schon oft dafür gesorgt, daß sie sich jede Menge Spott hatte anhören dürfen, mancher davon gutmütiger Natur, mancher auch das Gegenteil. Ihr fahrbarer Untersatz hätte eigentlich nur noch mehr dem Klischee entsprechen können, wenn sie mit einer Harley Davidson angeritten gekommen wäre.

Alix zog ihren Dienstausweis aus der Hosentasche und ging zu der Absperrung. Noch ehe die Streifenpolizisten, die dort standen, sie ansprechen konnten, hielt sie ihnen ihren Ausweis vor die Nase.

„Die Spurensicherung wartet schon, Lieutenant.“ Den Worten des Polizisten entnahm sie, daß man schon reichlich ungeduldig auf sie wartete und sich vermutlich lautstark darüber beschwert hatte.

Alix nickte nur und schwang ihre langen Beine über die Absperrung. Sie bemerkte, daß der männliche Streifenpolizist sie dabei beobachtete und seine Augen über ihre schlanke, in Jeans und Leinenjackett gehüllte Gestalt glitten. Sie warf ihm einen kühlen Blick zu, und er senkte den Kopf, um diesem Augenkontakt zu entgehen. Alix wußte, wie kalt der Blick ihrer hellblauen Augen wirken konnte, die so einen auffallenden Kontrast zu ihren schwarzen Haar bildeten, und sie setzte das oft gezielt ein.

Der Streifenpolizist war nun damit beschäftigt, seine Schuhspitzen zu betrachten und Alix bemerkte das Lächeln auf den Lippen seiner jungen Kollegin, die sich anscheinend gut amüsierte. Die junge Polizistin bemerkte nun Alix´ Blick und erwiderte ihn. Diesmal ließ Alix ein Lächeln aufblitzen, und sie war sich auch der Wirkung davon bewußt. Die junge Polizistin errötete höchst liebreizend. Alix besann sich wieder darauf, wenn auch mit einem Hauch von Bedauern, daß sie hier war, um einen Mordfall zu untersuchen, und nicht, um mit kleinen Streifenpolizistinnen zu flirten. Dennoch ging sie mit einem beschwingteren Gang die Gasse entlang, als sie sich eigentlich zu dieser frühmorgendlichen Zeit fühlte.

Eine kleine Gruppe erwartete sie. Bekannte Gesichter, zum Teil noch verknittert von zu wenig Schlaf und einem zu frühen Telefonanruf. Der Leiter der Spurenermittlung knurrte ihr einen Gruß zu, der deutlich machte, daß er die Verzögerung ganz und gar nicht zu schätzen wußte.

Jordan begrüßte ihn kühl, wobei der Klang ihrer Stimme deutlich machte, daß es ihr völlig egal war, ob sie ihn nervte oder nicht. Sie nickte Marcus Lesall und Helen Conner, die von ihrem Departement waren, kurz zu. Doch ihr Augenmerk lag bereits auf der stillen Gestalt, die daran schuld war, daß sie alle hier waren.

Der Tod trug in Los Angeles viele Gesichter. Alix Jordan kannte etliche davon, doch selbst in dieser Stadt gab es immer wieder etwas Neues, das sich Menschen gegenseitig antun konnten. Viele Fälle im Morddezernat waren eher einfacher Natur, die meisten Menschen, die nicht ihren Beruf ausübten, ließen sich zu sehr von den Bildern beeinflussen, die sie aus den Filmen kannten. Das Leben selbst war aber meist sehr viel profaner als das, was das Kino einem anbot. Sie jagten selten die kleinen Brüder von Hannibal Lecter.

In den meisten Fällen geschahen Morde innerhalb der Familie, war der Tatort das geliebte Wohnzimmer mit den kleinen, kitschigen Figürchen auf der Vitrine. Und in den meisten Fällen stand die Person, die es getan hatte, noch neben dem blutigen Klumpen, der zuvor Ehefrau, Ehemann, Kind, Freund, Freundin gewesen war. Oft nicht einmal begreifend, was eigentlich geschehen war.

Alix Jordan hatte den Glauben an die Institution der Familie schon im ersten Jahr, in dem sie die Marke des Los Angeles Police Departement getragen hatte, gründlich verloren.

In den meisten Fällen war ihr Job einfach, war der Mord schnell geklärt und ließ er sich auf verschiedene Faktoren zurückführen. Eine lückenlose Kette der Beweise, und oft genug ein tränenreiches Geständnis. Wie oft hatte sie schon die geschluchzten Worte „Das wollte ich nicht!“ gehört? Hätte sie jedesmal dafür einen Cent bekommen, wäre sie inzwischen reich.

Doch es gab auch andere Morde. Solche, bei denen nicht auf den ersten Blick ersichtlich war, was geschehen war, warum es geschehen war und wer es getan hatte. Morde, die bizarren Rätseln glichen. Häufig blieben solche Fälle ungeklärt, verliefen sich die Spuren im Sand. Es gab viele beim LAPD, die diese Art von Fällen verabscheuten, oft genug bescherten sie eine schlechte Presse, ließen sich nicht aufklären und endeten als Aktenvermerk im Archiv. Für Jordan waren sie jedoch die Herausforderung, nach der sie suchte.

Der Moloch Stadt spülte jeden Tag die Opfer der Nacht an. Raub, Vergewaltigung, Mord, die dunkle Seite der Nacht. Ihr Job. Und diese Nacht hatte dieses Opfer angespült.

Alix inspizierte den Boden, ehe sie näher an das Opfer herantrat. Sie war lange genug dabei, um nicht mehr die Fehler zu begehen, die am Anfang einer Karriere oft passierten. Niemand erklärte gerne, warum das Turnschuhprofil der ermittelnden Beamtin in der Blutlache des Opfers auftauchte. Die Spurensicherung in LA war noch dazu eine unabhängige Behörde und mochte es überhaupt nicht, wenn übereifrige Beamte ihre Beweisketten aus Unachtsamkeit zerstörten.

Sie ließ das Bild auf sich wirken. Das war es, was sie gewollt hatte, einen Blick auf das Szenario, ehe alle mit ihrer Arbeit begannen. Ehe man nach Fingerabdrücken, Zigarettenkippen, Haaren, Fasern, Gewebeteilen und all dem suchte, was Aufschluß ergeben würde, wer dies getan hatte. Sie wollte den Blick, den zuletzt der Mörder gehabt hatte, ehe er die Gasse verlassen hatte.

Die kleine Seitengasse war dunkel, selbst im frühen Schein der Sonne. Die hohen Häuserwände, die sich auf beiden Seiten erhoben, verhinderten, daß Licht bis zum Boden der Gasse fiel. Es roch nach alten Abfällen, Abwässern, und nach Blut. Der süße, metallische Geruch von Blut war beherrschend und setzte sich in Alix´ Nasenlöchern fest. Sie war ihn gewöhnt, und doch ließ er ihre Magennerven kurz flattern.

Das Opfer war ein weißer Mann. Er kniete in einer Lache aus Blut, welches längst geronnen war. Die Fliegen hatten sich bereits eingefunden und labten sich an diesem Leckerbissen. In seinem blonden Haar klebte ebenfalls Blut, was darauf schließen ließ, daß man ihn niedergeschlagen hatte, ehe man seine Hände an den Türknauf gebunden hatte, um zu verhindern, daß er zu Boden sank. Die Jeans, die er trug, war einst von verwaschenem Blau gewesen, das konnte Alix an den Stellen erkennen, die nicht mit Blut vollgesogen waren. Auf den ersten Blick waren mehrere klaffende Risse um den Schritt der Hose zu erkennen. Stichwunden. Jordan ließ den Blick über den Boden schweifen. Die offensichtliche Tatwaffe, ein einfaches Jagdmesser, lag blutverschmiert neben seinem linken Bein.

Jordan wandte ihren Blick von der Leiche. Sie würde alles über ihn erfahren, von welcher Art seine Verletzungen gewesen waren, wie schnell oder langsam er gestorben war und was er zuletzt gegessen hatte. Sein Mageninhalt würde ausgebreitet werden, seine Organe gewogen, sämtliche Geheimnisse seines Körpers und seines Sterbens würden dem kalten Stahl der Obduktion preisgegeben werden. Ihre Aufmerksamkeit wandte sich deshalb etwas anderem zu, dem, was diesen Fall so ungewöhnlich machte.

Die Videokamera war auf ein Stativ aufgeschraubt, der Winkel, in dem sie sich neigte, machte deutlich, daß sie sehr genau auf den Mann ausgerichtet war. Sein Tod war gefilmt worden. Alix´ Blick richtete sich sofort auf das Auswurfdeck des Videobandes. Das Band war noch da. Sie hob unwillkürlich eine Augenbraue. Ein weiteres Rätsel.

Im ersten Moment, als sie die Kamera gesehen hatte, hatte sie daran gedacht, daß dieser Mord vielleicht geschehen war, um ein Snuff-Video zu erstellen. Zwar ließen die Banden, die Menschen vor laufender Kamera töteten, um diese Videos an ihre perversen Kunden teuer zu verkaufen, selten ihr Equipment zurück, aber vielleicht war der Täter, oder die Täter, gestört worden. Doch sie hätten zumindest den Versuch unternommen, die Kamera mitzunehmen oder das Band, welches wertvoller war als das Equipment.

Nichts an diesem Tatort wies jedoch auf Hast hin. Dieses Verbrechen war in Ruhe durchgeführt worden, nahezu stilisiert. Die Kamera mußte eine andere Bedeutung haben.

„Können wir jetzt langsam mal anfangen, Jordan?“ Ted Kleinmann, der Leiter der Spurensicherung, klang noch gereizter als zuvor. Alix wollte ihn nicht weiter verärgern, zudem hatte sie ihren Blick auf das Verbrechen gehabt, es war gespeichert in ihrem Kopf.

„Nur zu, Kleinmann. Ich möchte auch ein paar Photos von der Videokamera, und zwar aus dem Blickwinkel des Opfers.“

Kleinmann brummte etwas, das man vage als Zustimmung hätte interpretieren können, ehe er sein Team zu der Leiche scheuchte. Alix wußte, daß sie Kleinmann nicht auf die Finger sehen mußte, er verstand seinen Job, war vielleicht der beste Ermittler, den die Spurensicherung zu bieten hatte. Sie arbeitete im Grunde gern mit ihm zusammen, sie mochte ihn nur nicht, etwas, das durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte, doch sie waren zu sehr Profis, um sich davon beeinflussen zu lassen.

Kleinmann und seine Leute würden den Toten zuerst mit speziellen Handsaugern absaugen, genau wie die ganze nähere Umgebung. Die Hände des Toden würden sie in Plastiktüten stecken, um sie später unter Laborbedingungen nach Gewebespuren, Blut, Fasern und Schmutz zu untersuchen. Man würde den Draht, mit dem er gefesselt worden war, analysieren, jede noch so kleine Spur an ihm feststellen, genau wie man das Messer gründlich untersuchen würde. Alix wußte, daß sie Kleinmanns ersten, vorläufigen Bericht noch im Laufe des Tages auf ihrem Schreibtisch finden würde.

Sie gesellte sich wieder zu Marcus Lesall, mit dem sie schon seit einigen Jahren zusammenarbeitete. Er hatte als Police Officer angefangen, als sie Detective im Morddezernat geworden war. Seit sie die rechte Hand des Captain war, arbeitete sie eng mit Marcus zusammen. Sie schätzte seine Gründlichkeit, und er wußte, worauf es ihr ankam. Er und Helen waren nicht nur Mitglieder ihres Teams, sondern auch ihre Freunde.

„Und, was haben wir bisher, Marcus?“ Alix zog die Ärmel ihres Jacketts ein wenig höher. Es würde wieder ein heißer Tag werden, schon jetzt lastete die Hitze über der Stadt.

„Nicht sehr viel.“ Marcus Lesall lächelte seine Chefin an, auch wenn er wußte, daß er sie mit seinem Charme nicht beeindrucken konnte. Als er beim Morddezernat angefangen hatte, war es für ihn zuerst ein Problem gewesen, mit Alix zusammenzuarbeiten. Zumindest nachdem er herausgefunden hatte, daß die hochgewachsene, schlanke, ausgesprochen attraktive Kollegin ganz und gar unerreichbar war. Doch er hatte Alix´ Mut, sich offen dazu zu bekennen, daß sie lesbisch war, und das in einem Männerverein wie der Polizei, bewundern müssen. Er hatte oft genug erlebt, daß man ihr Steine in den Weg gelegt hatte, nicht nur weil sie eine Frau war, sondern auch, weil sie eine Frau war, die man nicht kriegen konnte. In der Machtstruktur der Polizei gab es viele Männer, die nichts mehr ängstigte als eine Frau, die man auf keine Weise beherrschen konnte. Weder als Kollegin, noch im Bett.

Im Laufe mehrerer gemeinsamer Ermittlungen hatte Marcus Alix sehr zu schätzen gelernt und sich bald von seiner leichten Enttäuschung, daß sie so unerreichbar war, erholt. Er schätzte ihre Intelligenz und ihre Entschlossenheit, jeden Fall aufzuklären, egal wie merkwürdig er auch sein mochte. Sie waren Freunde geworden.

Die meisten Mitarbeiter im Morddezernat ihres Bezirkes hatten sich im Laufe der Jahre an Alix Jordan gewöhnt. Und niemand konnte bestreiten, daß ihre Erfolgsquote sehr hoch war. Selbst jene, die bis heute hinter ihrem Rücken dumme Sprüche über ihr Sexualleben machten, kamen nicht umhin, sie in ihrem Rang als Lieutenant zu respektieren. Marcus war sich ziemlich sicher, daß Jordan schon sehr bald in den Rang eines Captains aufsteigen würde, und das verdienterweise. Und er würde dann vielleicht zum Lieutanant befördert. Marcus riß sich aus seinen Gedanken, sich des intensiven Blickes seiner Vorgesetzten bewußt. Es war besser, sich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren, als über die Zukunft nachzudenken.

„Das Polizeirevier hat um 4.49 Uhr einen anonymen Anruf erhalten. Der Anrufer oder die Anruferin, bisher ist das nicht feststellbar gewesen, hat ausgesagt, daß hier eine Leiche zu finden sei. Um 5.02 Uhr hat die Streife, die geschickt wurde, um den Hinweis nachzugehen, die Leiche entdeckt. Ich hatte Nachtbereitschaft und habe dich dann aus dem Bett geklingelt.“

Marcus musterte Jordan, er nahm an, daß sie zu der Zeit, als er angerufen hatte, noch nicht lange im Bett gelegen hatte. Ihr schmales Gesicht wirkte noch eine Spur schmaler als sonst, und unter den Augen zeigten sich dunkle Schatten, die gewöhnlich nicht dort waren. Unwillkürlich fragte er sich, ob Jordan allein in ihrem Bett gelegen hatte. Marcus räusperte sich leicht, als er sah, wie sich eine, von Alix geschwungenen Augenbrauen fragend hob, und fuhr mit seinem Bericht fort. Manchmal hatte er den Eindruck, daß diese so hellen blauen Augen direkt in seinen Kopf sehen konnten.

„Helen hat schon unsere Jungs auf die Nachbarschaft angesetzt, aber ich fürchte, sehr viel können wir davon nicht erwarten.“ Er deutete mit einer vagen Geste zu den Häusern.

Alix blickte zu den schroffen, hohen Häuserzeilen. Bei vielen Gebäuden waren die Fensterscheiben eingeschlagen, und man sah ihnen an, daß sie längst von innen her verrotteten und unbewohnt waren. Einigen konnte man ihre ehemalige Funktion als Fabrik oder Lager noch deutlich anmerken. Doch schon längst fuhren keine Lastwagen mehr an die mit Müll übersäten Laderampen.

„Sind überhaupt noch irgendwelche von diesen Häusern bewohnt?“ Alix überlegte sich, wie es wohl war, in so einem Haus zu wohnen, aber wollte es sich lieber doch nicht so genau vorstellen. Ihre Wohnung lag in einem der besseren Viertel der Stadt, mit einem atemberaubenden Blick auf das Meer.

Marcus nickte. „Ja, man glaubt es kaum, aber hier leben wirklich Menschen.“ Er schauderte sichtlich. Alix war schon ein paarmal bei ihm zuhause gewesen, er hielt seine teure Mietwohnung penibel im Schuß. Sie musterte ihn näher, auch nach der Nachtbereitschaft wirkte sein Anzug nicht verknittert, irgendwann hatte er Zeit gehabt, sich zu rasieren, und er sah wie üblich aus, wie aus dem Ei gepellt. Sein braunes Haar lag perfekt, sein Schnurrbart war getrimmt. Zweifellos der Traum aller Schwiegermütter, dachte Alix säuerlich. Hätte Marcus gewußt, daß sie ihren Tag damit begonnen hatte, in eine leere Pizzaschachtel zu treten, hätte er vermutlich auf der Stelle einen Hautausschlag bekommen.

Marcus sah, wie ein kleines, spöttisches Lächeln Alix´ sinnlich geschnittenen Mund umspielte. „Hey, du denkst gerade etwas Fieses über mich, ich sehe es dir an der Nasenspitze an.“

Alix lachte, dachte aber, daß Marcus langsam anfing, sie zu gut zu kennen. Eigentlich gestattete sie das nicht vielen Menschen. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie den Gedanken, daß Marcus anfing, sie wirklich zu kennen, mochte. Sie richtete ihren Verstand wieder auf den neuen Fall. Ihr Instinkt sagte ihr, daß sie hier auf etwas gestoßen waren, was selbst für eine Stadt wie LA ungewöhnlich war. „Was ist mit dem Haus, an dessen Tür das Opfer gefesselt war? Lebt darin jemand?“

Marcus schüttelte den Kopf. „Eine alte Fabrik, war zuletzt vor zehn Jahren als Lager für Waren aus Hongkong gemietet, steht seitdem leer. Wir haben nur vier angrenzende Häuser in dieser Seitengasse, in denen noch Leute leben, und natürlich den Club.“ In Marcus Worten schwang eine spezielle Betonung auf dem Wort Club mit.

Alix hob eine ihrer Augenbrauen. „Club?“ Sie konnte sich nur mit Mühe vorstellen, daß es in dieser Gegend einen Club gab.

Marcus lächelte, als er den Unglauben in Alix´ Gesicht wahrnahm, ihm war es ähnlich gegangen. „Ja, und zwar was richtig Exklusives, kein billiges, kleines Bumslokal.“ Er deutete zu dem Gebäude, welches sich der Fabrik, an deren Tür das Opfer gefesselt gewesen war, anschloß.

Die Fassade wirkte genauso grau und unscheinbar wie die der Fabrik daneben, es gab nur wenige Fenster, doch zumindest deren Scheiben waren noch intakt.

„Der Eingang ist auf der anderen Seite, und der eigentliche Club ist im Keller.“ Marcus ließ vielsagend seine Augenbraue zweimal auf- und abhüpfen.

Alix runzelte die Stirn. „Ich dachte, du hättest gerade gesagt, es sei kein Bumslokal.“

Marcus lächelte. „Da dort die Reichen und Schönen verkehren, denke ich mal, daß man es feiner bezeichnen sollte.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Nein, es ist mehr so ein Schuppen für Spinner, ein wenig Gothik, ein wenig Grufti, nennt sich The Hunger.“

Alix musterte die feindselig wirkende, graue Mauer des Clubs. Zumindest von der Rückseite aus betrachtet war er nicht sonderlich einladend. Die solide Stahltür, die es hier gab, wirkte auch nicht vertrauenerweckend. Sie warf einen Blick zu dem Team der Spurenermittlung, das gerade dabei war das Opfer in einen Leichensack zu stecken.

„Ich denke, wir sollten uns mal mit dem Besitzer von The Hunger unterhalten.“ Jordan wußte, daß Kleinmann noch eine Weile am Tatort beschäftigt sein würde und daß sie sich nachher noch die ersten Informationen von ihm holen konnte. Jetzt interessierte sie zuerst einmal dieser Club, der in einer Gegend war, in der man normalerweise so gar nicht die Reichen und Schönen vermutete.

 

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