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Finsternis über Asharan

 

Gefangen hinter dem schwarzen Wall, wohin die Finsteren einst von Menschen, Elben und Asari verbannt wurden, wartet Fürst Caligo auf den Tag, an dem er das zeitlose Gefängnis zerschmettern kann. Der Tag seiner Rache scheint nahe, denn ganz Asharan befindet sich im Krieg.

Die Macht der Götter, die einst gegen ihn standen, schwindet, da der Glaube der Menschen im Wandel der Zeit sich anderen, neuen Göttern zugewandt hat.

Melas Eidolos, Herrscher über Aqutart, versucht mit Hilfe seiner mächtigen Heerführerin Alcédo, Asharan zu erobern. Sein Sieg wäre gleichbedeutend mit der Auslöschung der Elben und all jener, die dem alten Glauben anhängen, oder sich weigern, sich ihm bedingungslos zu unterwerfen.

Gerade als er sich seinem Ziel nahe sieht, in der entscheidenden Schlacht, bei der die Rebellen bereits geschlagen sind, bricht der schwarze Wall, und die Finsteren entkommen ihrem Gefängnis.

Durch ihren Hass und den Wunsch nach Rache an all jenen, die sie einst verbannten, wird ein neuer Krieg entfesselt, der die einstigen Feinde zu einem Bündnis zwingt.

Da die Finsteren über die alte Magie verfügen und ihre Zauberkräfte sie in der Schlacht übermächtig machen, bleibt den unwilligen Verbündeten nur noch, selbst nach dem alten Zauber zu suchen.

Alcédo, eine der letzten Asari, Charis, Tochter des Elbenheerführers, sowie Argion von H´aradorn, Anführerin der gegen Melas rebellierenden Menschen, werden ausgewählt, die alten Götter zu suchen, um von ihnen übermenschliche Macht zu erlangen.

Die drei Auserwählten machen sich auf den gefahrvollen Weg, doch die Götter haben viel von ihrer Macht eingebüßt und es ist ungewiss, ob die Kräfte, die sie ihren Erwählten verleihen, genügen, um gegen die Macht der Finsteren zu bestehen.

Im Schmelztiegel des Krieges, mit all seiner Grausamkeit und all seinem Leid, werden aus den einstigen Feindinnen Freundinnen.

Doch auch in den Reihen der Finsteren selbst regen sich Zweifel an dem grausamen Weg, den Fürst Caligo geht.

Acies, die Heerführerin der Finsteren, findet sich im Strudel dieses Krieges wieder. Eigentlich vom Schicksal und durch Liebe an Caligo gebunden, muss sie ihren eigenen Weg finden und ihrem Gewissen folgen.

Im Sturm von Liebe, Freundschaft, Hass und Verrat und der Suche nach längst vergangenen Werten und Göttern findet jeder sein persönliches Schicksal, und sei es auch der Tod ...

 

 

Prolog

 

Das Unheil verkündende Geräusch des Eissturmes, der die mächtigen Kiefern und Tannen bog, hallte in den tiefen Schluchten des kalten Landes wider. Aber das Holz der dunklen Tannen, Kiefern und anderen Nadelbäume war stark und biegsam, genau wie eine gute Schwertklinge und die Menschen, die dieses Land hervorgebracht hatte.

Nichts konnte sie brechen, weder Schnee noch Eisstürme. Versuchte man die Bäume des kalten Landes zu fällen, sprang die Axt zurück, als habe man auf Stein geschlagen statt auf Holz.

Die acht Asari, Pelzjäger und Bewohner dieses so rau erscheinenden Landes, drängten sich dicht um die kleine Feuerstelle, obwohl das Zelt aus Rentier- und Elchleder viel Platz bot.

Sie blickten dem Rauch nach, der durch das Loch an der Zeltspitze entwich und sich gen Sternenhimmel schlängelte. Es war kalt, man spürte die Nähe der großen Eisgletscher, bald schon würde es Schnee geben. Füchse, Hasen und Hermelin trugen bereits das weiße Schneefell, sogar Wölfe hatte die kleine Jagdgruppe bereits gesehen.

Selbst die großen Schneeraubkatzen, die eigentlich im ewigen Eis hausten, waren von zwei Jungjägern gesichtet worden. Es war ein gutes Omen, diesen Tieren, die von den Asari als heilige Totemtiere verehrt wurden, zu begegnen. Es versprach einen guten Jagderfolg für die kleine Gruppe und persönliches Glück für die beiden jungen Jäger.

Die Schneekatzen waren ein Teil ihres Glaubens. Nie würde ein Asari eine Waffe gegen sie richten, denn die Asari glaubten, dass die Seelen der Verstorbenen in den mächtigen Raubtieren wiedergeboren wurden.

Die acht Jäger trugen alle festes Rentierleder und verschiedene Pelze. Sie waren die Kälte und den Schnee gewöhnt, und die Kleidung war mehr Ausdruck persönlichen Geschmacks und Jagderfolges denn Schutz gegen die eisigen Temperaturen.

Jeder einzelne von ihnen war seit frühester Jugend in Seen geschwommen, die nie gänzlich ihre Eisschicht verloren. Je erfolgreicher die Jägerin oder der Jäger war, desto edler waren Leder und die Pelze, die sie oder er trug.

Die Bögen der Jäger waren sorgfältig in Tücher gewickelt, so dass weder Kälte noch Nässe die Sehnen oder das Holz verziehen konnten. Die meisten von ihnen benutzten kurze Jagdbögen, nur zwei der alten, erfahrenen Jäger trugen die Langbögen der Elben, deren Sehnen dreifach gespannt waren und mit denen nur ein erstklassiger Bogenschütze umzugehen verstand.

Die Jäger plauderten fröhlich miteinander. Es gab keine bestimmte Rangordnung unter ihnen, sah man von der ab, die das Leben selbst festlegte.

Wenn die alten, erfahrenen Jäger einen Rat oder eine Warnung für die Jungen hatten, befolgten diese den Ratschlag nur zu begierig.

Das kalte Land hatte seine eigenen Regeln, um mit Quertreibern und Störenfrieden fertigzuwerden – ein ebenso endgültiger Weg wie für die Schwachen.

Es war ein Land, das keine Schwächen duldete oder Fehler. Niemand, der das Jugendalter erreichte, war schwach oder so unklug, die Alten nicht zu respektieren.

Die kleine Jagdgruppe bestand aus vier Jungjägern, die ihre Erstjagd nach den Riten der Erwachsenen absolvierten, und vier älteren, erfahrenen Jägern, die darauf achteten, dass die Jungen diesen ersten Ausflug ins Erwachsenenalter überlebten.

Das Geschlecht der Jäger spielte bei den Asari keine Rolle, allein das Können war von Bedeutung. Keiner der jungen Männer wäre auf die Idee gekommen, die alte Jägerin mit dem Elbenbogen zu verspotten, obwohl sie inzwischen so alt war, dass sie eigentlich nicht mehr auf die Jagd gehen musste. Ihr Familienclan war so weitschweifig, dass sie ein ruhiges Leben hätte führen können, versorgt von ihren Kindern und Unmengen von Enkeln. Aber die schlichte Wahrheit war, dass die alte Eleein die beste Jägerin war und ihr die Jagd viel zu viel Spaß bereitete, als dass sie sie aufgegeben hätte.

Die vier Jungen lauschten ergeben jedem Wort von Eleein. Hin und wieder ließ sie ein freundliches, faltiges Lächeln auf ihrer Urenkelin ruhen, die zu den vier Jungjägern zählte.

Der Sturm beutelte das Zelt, und die Jungen blickten erschrocken auf, als sie das Klirren von Eissplittern auf den Zeltwänden hörten.

„Eine schlimme Nacht“, meinte Tork ruhig, während er Trockenfleisch abschnitt und in seinem heißen Tee einweichte.

Eleein grinste, wobei sie trotz ihres Alters ein makelloses Gebiss zeigte.

„Mach unseren Küken keine Angst, Tork.“ Die Jungen protestierten halbherzig, keiner war älter als fünfzehn und sie hatten tatsächlich ein wenig Angst.

Es war ein wilder Sturm und ohne schützende Felswand barg er eine tödliche Gefahr. Solche Stürme konnten Zelte, die falsch aufgestellt waren, zerfetzen und alle, die darin saßen, ebenfalls.

Aber natürlich hatten die erfahrenen Jäger diesen Lagerplatz sorgfältig ausgewählt.

Der mit einem Rentierleder verhängte Zelteingang wurde aufgerissen und alle vier Jungjäger griffen nach ihren Messern und Schwertern. Die Alten lächelten einander zu, sie hatten die Schritte vor dem Zelt bereits gehört, trotz des heulenden Windes.

Der Mann, der in das Zelt trat, war groß und von Kopf bis Fuß in einen schwarzen Mantel gehüllt. Die Kapuze war so tief ins Gesicht gezogen, dass man nichts von seinen Gesichtszügen erkennen konnte.

„Darf ein müder Wanderer um einen Platz am Feuer bitten?“ Seine Stimme war machtvoll wie der Sturm, uralt und eisig wie der Nordwind.

Die Jungen rückten fröstelnd zusammen, während die Älteren zu Eleein blickten. Ihr stand es zu, ein Gastrecht auszusprechen oder es zu verweigern.

Bei den Asari war das Wort der Ältesten Gesetz, denn sie lebten schon länger in dieser kalten Welt und kannten die Gefahren und Schönheiten des Landes besser als jeder andere.

„Sei unser Gast, Wanderer!“

Die Gestalt verbeugte sich höflich vor Eleein. „Mir scheint, als seien wir uns schon einmal begegnet.“

Eleein nickte ernst. „Vor vielen Jahren, Wanderer.“

Unter der Kapuze konnte man ein Lächeln erahnen. „Du hast auf anderen Besuch gehofft?“

Eleein legte den Kopf schief. „Bei dieser Art Sturm sind manchmal auch andere Wanderer an unser Feuer gekommen, aber du bist uns willkommen. Setz dich zu uns.“

Der Wanderer nahm neben Eleein Platz. Er blickte zu den vier Jungjägern, die ihm gegenüber saßen und nicht begriffen, was sich zwischen Eleein und dem Fremden abspielte.

„Das letzte Mal saßt du auf der anderen Seite“, meinte der Wanderer langsam und mit einer unbestimmten Trauer in seiner tiefen Stimme.

„Die Zeit fließt schnell, Wanderer.“

Der unheimliche Gast schüttelte wehmütig den verhüllten Kapuzenkopf. „Nicht immer, Asari. Gibt es für einen Wanderer Tee und Trockenfleisch?“

Eleein nickte. „Du kennst unsere Bräuche: Essen und Trinken an unserem wärmenden Feuer für eine Geschichte.“

Der Wanderer hob die Schultern mit einer vagen Geste. „Die du bereits kennst.“

„Das macht nichts, es ist eine Ehre, sie vor meinem Tod noch einmal zu hören.“ Eleeins Stimme verriet keine Ehrerbietung, doch zollte sie dem unheimlichen Wanderer ohne Zweifel Respekt.

Der Wanderer schien erstaunt. „Selbst aus meinem Munde?“

Eleein goss den Tee auf und reichte den Becher dem unheimlichen Gast. „Die Vergangenheit kann man nicht ändern“, erklärte sie schlicht, eine Wahrheit, die das kalte Land schnell lehrte.

Der Wanderer nahm den Becher. Seine linke Hand war in Lumpen gehüllt, doch man sah deutlich, dass einst vor langer Zeit ein Schwert oder eine Axt alle Finger bis zum Mittelglied abgetrennt hatte.

„Eine Geschichte, ja.“ Seine machtvolle Stimme senkte sich ein wenig, doch dadurch wirkte sie noch intensiver. Er nippte am Tee und tauchte das angebotene Trockenfleisch ein, das ihm Tork ehrfürchtig reichte.

„Am Anfang schufen die drei Götter die Welt, Tiere und Pflanzen, und es war gut.“ Die Stimme des Fremden erfüllte laut und volltönend das Zelt.

Eleein klopfte zufrieden über den rituellen Beginn der Erzählung mit dem Griff ihres Schwertes auf den Boden.

„Dann schufen die Götter die drei Rassen, Elben, Menschen und Finstere, und erhoben sie zu den Herrschern über die Welt Asharan. Laut dem Gebot der Götter teilten diese friedlich das Land, bauten Dörfer, Städte und Tempel, um den Göttern zu huldigen.

Avara, Göttin des Lichtes und des Lebens, die als sterbliche Frau durch das Elbenland Liofar wandelte, um zu erfahren, wie Sterbliche leben, lieben und das Licht in ihren Herzen tragen.

Skopos, Gott der Finsternis und des Todes, stets an den Orten, wo das Leben erlischt. In jeder Schlacht der Schatten des Kämpfers, bei jedem Pfeilschuss der Wind, der den Pfeil trägt. Der finstere Bruder des Lichtes, in den kalten Nächten zu finden, wo der Tod ans Tor klopft. Gnadenlos, aber unerbittlich in seiner Gerechtigkeit. Kein Leben erlischt, ohne Platz für ein neues zu schaffen.

Und Nemia, ihre Tochter, Göttin des Waldes und der Jagd. Von Licht und Schatten geprägt, wilde Jägerin und fürsorgliche Wildhüterin. Bringerin des Wildbrets für die Menschen und Mörderin derselben, in kalten Nächten, wenn grimmige Eber sich gegen ihre Jäger stellen. Unberechenbar wie eine mondlose Nacht, wie ein trügerischer Hauch von Frühling an Wintertagen, der dazu verleitet, unvorsichtig zu werden, und Jäger und Händler in den eisigen Tod des Erfrierens treibt. Nemia, die bei all ihrem Wandel der Lauf der Natur ist, stets im Gleichgewicht, egal, wie grausam es den Sterblichen auch erscheinen mag.“

Der alte Wanderer stockte kurz, als müsse er seine Worte abwägen, ehe er fortfuhr: „Es war ein langes, friedvolles Zeitalter, als die Götter über diese Welt wandelten und ihr Gesetz in den Herzen der Menschen, Finsteren und Elben wohnte.

Doch die Götter zogen sich im Lauf der Zeit zurück. Ihrer Schöpfung müde geworden, dachten sie, ihre Kinder seien reif dazu, über Asharan und alles Leben darauf selbst zu bestimmen. Sie griffen nun nicht mehr in die Geschicke der Sterblichen ein.

Doch damit war das goldene Zeitalter des Friedens dahin, Hass und Missgunst bemächtigten sich der Rassen.

Die Menschen griffen die Finsteren an, um ihren Landbesitz zu vergrößern, und vertrieben die zahlenmäßig unterlegenen Finsteren aus ihren angestammten Gebieten.

Die Finsteren, die ihre Abstammung direkt von Skopos ableiten konnten und denen deshalb Angst entgegenschlug, suchten daher nach neuen Siedlungsgebieten. Doch wohin sich die Finsteren auch wandten, machtvolle Kinder eines grimmigen Gottes, stießen sie auf Ablehnung und Hass. Keine Rasse wollte ihr Land und ihren Reichtum mit ihnen teilen. So schworen die Finsteren schließlich blutige Rache und richteten furchtbare Massaker unter Menschen und Elben an.

Die Elben hatten sich im Laufe der Jahre in zwei Rassen geteilt, wobei sich die sanftmütigen, hellhaarigen Bewohner der Küste und des Südens Lichtelben und die wilden, dunkelhaarigen Krieger des Nordens Schwarzelben nannten.

Im Laufe der langen Kämpfe, in denen Menschen gegen Elben, Menschen gegen Menschen, Elben gegen Elben kämpften und sie alle gegen die Finsteren, floss so viel Blut, dass die Erde selbst aufschrie und die Götter aus ihrem Schlaf weckte.

Zorn erfüllt über die Werke ihrer Schöpfung, über die Angst, die Missgunst und das kleinliche Territorialstreben, schufen die Götter furchtbare Erdbeben und Sturmfluten, bis alle Überlebenden die Waffen niederlegten und auf den Knien die Götter um Gnade anflehten.

Gnade, die man gewährte, doch das Vertrauen der Götter in ihre Schöpfung war dahin. So verbannten sie die wildesten, unversöhnlichsten Kämpfer, die das Schwert nicht freiwillig ablegen wollten, in das kalte Land, wo die großen Eisgletscher herrschten, um neue Kriege zu verhindern.

Die Schwarzelben weigerten sich, ihr kriegerisches Leben aufzugeben, und gingen freiwillig in das kalte Exil.

Die Finsteren bekamen ihre angestammten Gebiete zurück, doch der Stachel des Hasses stak in den Herzen jener, die in diesem Krieg gestritten hatten.

Es war ein Frieden der Götter, kein Frieden der Herzen.

Im kalten Land, zu nahe an den Eisgletschern, um Landwirtschaft zu betreiben, fanden sich die überlebenden Krieger aller Rassen in einem lebensfeindlichen Land wieder.

Der Kampf um das tägliche Überleben führte schnell dazu, dass sich alter Hass im Schmelztiegel des Lebens verlor. Skopos, der in den Kriegern seine Kinder fand, Jäger, die er in ihrer Wildheit und ihrem Kampfesmut liebte, half ihnen, die Gesetze des kalten Landes zu erlernen.

Die Krieger lernten als Nomaden durch das kalte Land zu ziehen, als Pelzjäger und Sammler. Alte Rassenverbände lösten sich auf, und in den Clanverbänden, die sich fanden, mischten Schwarzelben, Menschen und gar Finstere ihr Blut, woraus eine neue Rasse entstand, die Asari.

Die Asari beteten zu Skopos, der immer der Schatten der Krieger gewesen war, die Lichtelben zu Avara und die Menschen zu Nemia – nur die Finsteren beteten nicht mehr.“

In der Stimme des Wanderers schien ein Funken Verständnis für die Finsteren zu liegen, als er grimmig fortfuhr. „Der Friede währte nicht lange, die Götter waren müde und ihre Kraft fast verbraucht.

In den wilden Tagen der Schöpfung, als die Welt noch neu war und die Götter mitten unter den Menschen, Finsteren und Elben wandelten, nahmen sich Skopos wie Avara sterbliche Geliebte und mischten ihr Blut mit Auserwählten.

Skopos, der besonderen Gefallen an den Finsteren fand, die ihn in wilden Festen mit Blut und Tod feierten, band seine Macht und sein Blut an diese Rasse, die er nach seinem Bildnis geschaffen hatte. So waren die Finsteren von jeher machtvoller als Mensch oder Elb, und somit schlug ihnen auch mehr Misstrauen entgegen.

Die Finsteren, mehr und mehr die Paria Asharans, verfolgt und gehasst von Menschen und Elben, verloren schließlich ihren Glauben an Skopos, da sie sein Versprechen, einen angestammten, unverrückbaren Platz im Gefüge Asharans einzunehmen, gebrochen sahen. Da sie sich nicht mehr gebunden an die Gesetze der Götter fühlten und noch weniger an die der Elben und Menschen, schickten sie sich an, ganz Asharan zu unterwerfen. Sie entdeckten die Macht ihres Blutes und mit ihren Zauberkräften, Erbe ihres dunklen Vaters, waren sie fast unbesiegbar.

Die Götter wählten schließlich drei Vertreter der anderen Rassen aus, Arell, eine Lichtelbin, Sodalis, einen Menschen, und Do’gal, einen Asari, um die Finsteren zu besiegen.

Sie gaben den Sterblichen gewaltige Macht und jeder Gott machte einen der Sterblichen zum direkten Vermittler seiner Kraft.

Gemeinsam schlugen diese von den Göttern Erwählten die Finsteren und trieben sie bis zum Rand der Welt, wo sie einen furchtbaren Zauber wirkten, der die Finsteren hinter den schwarzen Wall bannte.

Gefangen in zeitloser Dunkelheit, nicht lebend, nicht tot.

Es folgten friedliche Jahrhunderte, in denen es nur zu kleineren Grenzstreitigkeiten kam. Die verbliebenen Rassen Asharans bauten ihre Königreiche aus, die Menschen in Baradis und Aqutart, welches mit seinem fruchtbaren Land ein angenehmes Leben ermöglichte, ohne Angst vor Hungersnot. Landwirtschaft und Handwerk gediehen hier, aber auch der Wunsch nach noch mehr Land und Reichtum wohnte im Herzen der Herrscher.

Die Elben in Liofar übten sich in den schönen Künsten, vom sonnigen Süden verwöhnt. Was die Ernte anging, wurde ihr Leben nicht vom Kampf um das tägliche Brot bestimmt, und, zahlenmäßig geringer als Menschen, suchten sie auch keine neuen Gebiete, um sich anzusiedeln.

Die Asari in ihrem rauen, kalten Land kümmerten sich nicht um die Geschicke der anderen Völker, wild und stolz lebten sie ihr Nomadenleben.

Sie alle beteten zu ihren Göttern, die im Kampf gegen die Finsteren den Sieg ermöglicht hatten. Doch im Laufe der Zeit verlor sich die Erinnerung an die Kämpfe gegen die Finsteren und das Wirken der Götter.

Die Lichtelben beteten weiterhin zu Avara, so wie die Asari zu Skopos, doch die Menschen verloren ihren Glauben, und die Tempel blieben verlassen.

Neue Glaubensrichtungen bildeten sich, Sterbliche erhoben sich zu Göttern und wurden wieder gestürzt. In dieser Zeit erhob sich unter einigen Menschen der Glaube an D’akon, einen Gott, der in Visionen erschienen war und ihnen die Selbstbestimmung über ihr Handeln gab, solange sie ihn anbeteten und den Glauben unter den Menschen verbreiteten, sei es auch durch das Schwert.

Dieser neue Glauben ängstigte viele der menschlichen Herrscher, da die Anhänger D’akons nicht länger die angestammten Erbrechte des Adels anerkannten und sich mehr ihrem Gewissen und ihrer Religion unterworfen sahen, statt den weltlichen Mächten. Daher verfolgte man gnadenlos die Anhänger dieses neuen Glaubens, folterte sie und vernichtete sie, wo immer man sie fand.

So flohen die Überlebenden in abgeschiedene Gegenden Aqutarts, wo sie eine Festung aus schwarzem Stein errichteten und den Orden des Schwertzirkels von D’akon bildeten. Eine Kriegerkaste, geschaffen um ihren Glauben zu verteidigen und die Mitglieder des Ordens zu schützen.

Die Asari im Norden hatten ihre eigenen Gesetze, sie beteten zu Skopos, dem Tod, und brachten diesen auch, als plündernde Banden, in das Land Baradis.“

Einer der jungen Jäger unterbrach die Erzählung des Wanderers schroff. „Wir waren niemals Diebe!“

Der unheimliche Gast schien nicht wütend über diese Störung, seine Stimme blieb ruhig, aber in ihr schwang ein machtvoller Unterton, der anzeigte, dass er keine weiteren Störungen dulden würde. „Es waren andere Asari, wilder und unberechenbarer, als ihr es seid. Sie mordeten und plünderten zum Zeitvertreib und wurden von den Menschen, die an den Grenzen des kalten Landes lebten, gefürchtet und gehasst. Doch der Untergang dieser Asari war bereits eine drohende Wolke am Horizont.

Ein junger Mann, hervorgegangen aus dem Orden des Schwertzirkels von D’akon und dessen Großmeister, eroberte mit einer kleinen Armee Aqutart und krönte sich zum Herrscher. Als Oberpriester D’akons unterwarf er das Reich und begeistert folgte man dem jungen, charismatischen Melas Eidolos, gab er den Menschen doch einen neuen Glauben und ein Ziel.

Aqutart, dessen Herrschergeschlecht von Inzucht und Korruption geschwächt war und dessen Willkür die Menschen aufgebracht hatte, war ein perfektes Ziel für den jungen Heerführer. Hier sah er eine Basis, Macht zu erlangen, ein unzufriedenes Volk, dem er wieder gerechte und starke Gesetze geben konnte und einen neuen Gott, etwas, woran die Menschen glauben konnten, und Melas wusste um die Natur seiner Rasse, sie wollten alle an etwas glauben.

Er gab ihnen neue Gesetze, die auch für den Adel galten, und sicherte sich damit die Liebe der breiten Masse. Da er wusste, dass man mit Hass und Angst einen mächtigen Verbündeten in der Hand hatte, gab er den Menschen von Aqutart auch etwas, um es zu hassen.

Bald loderten die Scheiterhaufen. Ungläubige und Fremdrassige wie Elben und Asari wurden überall im Lande verbrannt. Aqutart und Baradis, welches ebenfalls nach Macht strebte, verbündeten sich mit Melas gegen die Asari und gemeinsam rotteten sie diese Rasse nahezu aus.

Die Schwarzelben, ohnehin zahlenmäßig gering, verschwanden vom Antlitz Asharans. Aber Melas Eidolos hatte größere Pläne, als nur die Asari auszurotten, er stellte ein Heer gegen seine einstigen Verbündeten und eroberte Baradis mit Hilfe seiner neuen Großmeisterin des Schwertzirkels von D’akon, Alcédo Paidarion.

Baradis’ König fiel in den Schlachten, die folgten, und seine junge, temperamentvolle Tochter Argion von H’aradorn übernahm zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Sodalis die Führung der Truppen.

Doch Melas’ ausgeklügeltem strategischem Geschick und der fast mystisch anmutenden Macht seiner Heerführerin Paidarion hatten die in Schlachten unerfahrenen Erben des Königreichs nichts entgegenzusetzen. So mussten sie mit den Resten ihrer geschlagenen Armee ins Elbenland Liofar fliehen. Die Elben gewährten ihnen Asyl, da ihr Führer, Rakon Selas, den Weitblick besaß zu wissen, dass in Melas Eidolos’ Plänen Baradis nur ein Stein in seinem Spiel war und er nach mehr strebte. Gemeinsam mit den aus Baradis geflohenen Menschen organisierten sie sich gegen das nun drohend anrückende Heer der Aqutart.“

Der alte Mann schwieg so lange, dass die jungen Jäger sich unruhig bewegten und Eleein fragende Blicke zuwarfen, die jedoch nur den Zeigefinger auf die Lippen legte und damit die Jungen anwies zu schweigen. Mit einem Seufzen, in das die Last von Jahrtausenden gewoben war, setzte der alte Wanderer wieder an: „Keiner von ihnen ahnte, dass der schwarze Wall kein unbezwingbares Bollwerk mehr war, und dass die Finsteren, in diesem Zeitalter nur noch Mythos und Legende, nach ihrer Freiheit dürsteten und nach Rache.“

 

I

 

Dunkelheit und Schmerz,

Schmerz und Zorn,

Zorn und Hass,

Hass, o ja, das war das Beste von allem.

 

Die Dunkelheit war in ihrem Schrecken gut, der Schmerz machte ihn wachsam, der Zorn wärmte seine Knochen und der Hass hielt ihn bei Verstand und am Leben.

Er hatte lange gewartet, Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende.

Dort, wo er war, gab es keine Zeit, keinen Tod, aber auch kein Leben. Sie wähnten ihn besiegt und das war er auch. Bezwungen von den Legionen des Lichtes, von dem Bündnis aus Göttern, Asari, Elben und Menschen.

Zusammen hatten sie seine Schattenarmee vernichtend geschlagen und hinter den schwarzen Wall gebannt.

Für ewig gefangen in Dunkelheit, zeitlos und endgültig, seiner Macht beraubt, hilflos.

Aber er hatte gewartet, er war sich sicher gewesen, dass die Menschen ihn nicht enttäuschen würden. Erbärmliche Kreaturen, aber im Gegensatz zu den Elben durchaus empfänglich für Macht, Gier und Hass. Er hatte es gespürt, die langsame Veränderung außerhalb des Walls, die Götter waren schwach geworden, kaum einer glaubte mehr an sie oder betete sie an.

Und je weniger an sie geglaubt wurde, desto schwächer wurden sie.

Das gefiel Caligo, Fürst der Finsteren, seine Feinde verloren die Macht, weil sie nicht länger glaubten.

Er labte sich daran, dass sie einander abschlachteten, der Untergang der Asari versprach Unbesiegbarkeit für die Finsteren.

Aber er war vorsichtig. Obwohl er jetzt die Macht gehabt hätte, den Wall zu zerbrechen, wartete er weiter ab und es gefiel ihm, was er sah.

Die Menschen glaubten an einen neuen Gott, D’akon, der nicht aus den Sphären der alten Götter kam. Ein Wesen ohne echte Macht, vielleicht nicht einmal existent, und wenn, dann war ihm das Schicksal und das Wirken seiner Anhänger gleichgültig.

Aber Caligo gefiel es, was diese Menschen taten, sie töteten und eroberten, hell leuchteten die Scheiterhaufen jener, die an die alten Götter glaubten.

Die Schmerzensschreie derer, die in die Hände der neuen Macht fielen, drangen sogar durch den schwarzen Wall und erwärmten Caligos Seele.

Die verhassten Lichtelben fielen zu Hunderten dem scharfen, kalten Eisen der Eroberer zum Opfer.

Währenddessen wuchs Caligos Macht, bald würde er zuschlagen.

Die Welt würde ihm nicht widerstehen können, nicht dieses zerrissene Land mit sterbenden Göttern und nicht eine Welt, die nie wieder einen heiligen Bund aus Elben, Asari und Menschen schließen könnte.

Die Asari waren tot, vernichtet und ausgerottet.

Einst war Caligo so mächtig gewesen, dass er fast das gesamte Lichtheer aus Göttern, Elben, Asari und Menschen besiegt hatte.

Jetzt war er zumindest ebenso mächtig und noch viel hasserfüllter. Diesmal würde er siegen, die Menschen waren entzweit, die Asari und kriegerischen Schwarzelben ausgelöscht.

Die Lichtelben und Menschen würden seiner Macht nicht widerstehen können. Bald schon würde er wieder über die Erde schreiten und seine Feinde unter sich zermalmen.

Er würde sich an ihren Todesschreien laben und ihr Blut mit Freuden vergießen.

Caligo stieß sein Götterschwert, die machtvollste Waffe der Finsteren, die sogar in der Lage war, Götter zu vernichten, durch die schwächste Stelle des schwarzen Walls.

Ein klagender, heller Ton war zu hören und Caligo spürte, wie das Schwert schmerzhaft in seinen Händen vibrierte. Aber es war gut, ein willkommener Schmerz.

Sein Lachen brach sich an den Begrenzungen des schwarzen Walls in unzähligen Echos. Das erste Mal seit Jahrhunderten drang wieder Licht durch den gezackten, sich ausbreitenden Riss und Caligo erfreute sich an diesem Licht.

Er spürte die Bewegungen neben sich. Zum ersten Mal seit der Gefangenschaft spürte er wieder die Anwesenheit der anderen Finsteren, das lange, einsame Exil in ewiger Dunkelheit war vorbei.

Bald würden sie Rache üben, furchtbar und gnadenlos, so grausam, wie dieses Gefängnis in zeitloser Ewigkeit gewesen war.

 

II

 

Der Ruf des Krieges erklingt,

die Waffen gegürtet,

den Tod besingt,

die Macht des Schwertes

den Sieg erbringt.

               

Die Schritte hallten laut und klar durch die nächtliche Stille des Palastes von Aquar. Sporen kratzten auf dem makellosen Marmor des Ganges und hinterließen hässliche Schrammen. Aber es gab niemand, der es gewagt hätte, die Großmeisterin des Schwertzirkels von D’akon darauf aufmerksam zu machen und zu bitten, die Sporen abzunehmen.

Die einsamen Nachtwachen standen stramm, wenn Alcédo Paidarion an ihnen vorbeischritt, und ließen erleichtert die angehaltene Luft entweichen, sobald sie die Großmeisterin außer Hörweite glaubten.

Alcédo war sich ihrer Wirkung auf andere bewusst und sie setzte sie gezielt ein. Die Aura der Macht, ja sogar des Todes war etwas, das zur Großmeisterin des Schwertzirkels von D’akon passte. Angesichts ihres Auftretens und ihrer Aura war man schnell geneigt, ihre Jugend zu vergessen.

Es hatte Ordensfürsten gegeben, die sie unterschätzt, und Edle, die gar offen gespottet hatten. Doch man spottete nicht ungestraft über die Großmeisterin des Schwertzirkels von D’akon.

Einst hatte man den Zirkel erschaffen, um die Anhänger von D’akon zu schützen. Ein heiliger Eid band die Mitglieder der Kriegergilde daran, ihr Leben für den Schutz ihres Glaubens und ihrer Mitbrüder und -schwestern zu geben.

In den wilden Tagen, in denen man sie gejagt und vernichtet hatte, wo man sie auch fand, war die schwarze Festung entstanden, als einziger Zufluchtsort für die Gläubigen.

Jetzt war die schwarze Festung einzig eine Ausbildungsstätte für den Schwertzirkel.

Hinter vorgehaltener Hand flüsterte man in Aqutart, dass der Schwertzirkel unter Paidarion zu mächtig geworden war, zu sehr außerhalb der Gerichtsbarkeit stand, als dass man es wagen durfte, sie zu reizen.

Selbst der Lordoberpriester Melas Eidolos, so munkelte man, fürchtete inzwischen die Macht des Zirkels.

Den Ordensfürsten hatte Alcédo Paidarion schnell Respekt und Bewunderung abgerungen, die Spötter lebten allesamt nicht mehr. Niemand verspottete Paidarion, nicht einmal hinter vorgehaltener Hand. Es gab überall eifrige Ohren und Stimmen, die dem Schwertzirkel fleißig Bericht erstatteten. Der Zirkel war absolut loyal seiner Großmeisterin gegenüber, aber seine Mitglieder waren vermutlich auch die Einzigen, die Paidarion mochten und nicht nur Angst und Respekt vor ihr hatten.

Der Zirkel war eine zu sehr in sich verschworene Gemeinschaft, um nicht Argwohn und Furcht zu erregen.

Die Erleichterung der Wachsoldaten, an denen sie vorbeiging, amüsierte Alcédo, obwohl sie es sich nicht anmerken ließ, hätte es doch ihrer Aura einen freundlichen Aspekt gegeben. Sie wollte nicht sympathisch sein, sie mochte es, wenn man sie fürchtete.

Furcht schuf Distanz und genau das war lebenswichtig für sie. Es gab nur sehr wenige Menschen, die ihre Geheimnisse kannten und noch lebten.

Alcédo trug Kampfkleidung aus schwarzem, feingegerbtem Leder, das an den Armen, Schultern und Beinen mit geschwärzten Metallschuppen belegt war. Der Rest der Überkleidung war mit einem engmaschigen, leichten Kettenhemd bedeckt. Es war eine schwache Panzerung, aber Alcédo zog dies den schweren Körperpanzern bei weitem vor. Der Schutz war geringer, aber ihre Schnelligkeit und Beweglichkeit blieben so voll erhalten.

Über dem Schwarz der Kampfkleidung trug sie den strahlend weißen Waffenrock des Schwertzirkels von D’akon, nicht viel mehr als ein gut gewebtes, weißes Tuch mit Kopföffnung. Es reichte hinab bis zu der Mitte der Oberschenkel und wurde durch einen breiten, metallbeschlagenen Waffengurt um die schmale Taille gerafft.

Das Zeichen des Schwertzirkels, ein scharlachrotes Schwert auf dem strahlenden Weiß, wiederholte sich auf dem schweren Siegelring ihres rechten Mittelfingers.

Vom Gürtel hing rechts die gerade, schmucklose Scheide des Schwertes herab, dessen Griff und Parierstange vom häufigen Gebrauch glatt und blank gerieben waren, links trug sie eine schwere Kampfaxt, die bis hinab zur Wade baumelte.

Das Beeindruckendste an Paidarion war ihre Körpergröße, die meisten Männer des Reiches mussten zu ihr aufsehen und nur eine Handvoll konnte ihr gerade in die Augen blicken. Straffe Schultern, muskelgestählte Arme, schmale Hüften und lange, durchtrainierte Beine, der Körperbau eines Menschen, der mit dem Waffenhandwerk aufgewachsen war.

Ihr tiefschwarzes Haar war dicht, leicht gelockt und bedeckte die Ohren. Eine schwarze Stirnlocke fiel bis zu den Augen hinab, die überraschend hell an ihrer ansonsten so finsteren Gestalt wirkten.

Eisgraue Augen, so veränderlich in der Farbe wie der sturmgepeitschte Himmel, mal silbern, mal rauchgrau, im Zorn anthrazitfarben. Ein schmales Gesicht mit markanter Wangen- und Kieferlinie, scharfgeschnitten und aristokratisch. Der Mund jedoch sinnlich, was den beherrschenden Zug der Willensstärke und Macht, welcher ihn umspielte, nur wenig abschwächte.

Ein ausgesprochen schönes Gesicht, aber eine Schönheit, die so hell, scharf und tödlich schien wie eine makellose Klinge. Nicht einmal die dünne, weiße Narbe auf der bronzefarbenen Haut, welche auf dem rechten Wangenknochen verlief, schmälerte diesen Eindruck.

Die Wachen vor der mit massivem Gold beschlagenen Tür hielten sie nicht auf. Es gab nur zwei Menschen, die diesen Raum ohne vorherige Ankündigung betreten durften, Alcédo war eine davon.

Der große Raum strahlte Persönlichkeit aus, an den kalten Steinwänden hingen Wandteppiche erlesenen Geschmacks neben Rüstungen, Schilden und Schwertern, die einstmals in heroischen Schlachten getragen worden waren. Die Möbel waren aus ausgesucht teuren und edlen Materialien. Das Privatgemach des Melas Eidolos, Lordoberpriester des Reiches Aqutart und Eroberer von Baradis, zeichnete sich durch exzellenten Geschmack aus. Funktionell, streng logisch, aber durch und durch Melas.

Der Mann, der diese beeindruckenden Titel trug, sah von Büchern und Dokumenten, die auf dem Tisch ausgebreitet waren, auf und ein dünnes Lächeln umspielte seine Lippen.

„Bei jedem anderen, Alcédo, würde ich denken, es sei Unaufmerksamkeit, wenn er die so infernalisch klirrenden Sporen nicht abnähme, ehe er meinen Palast betritt. Bei dir jedoch weiß ich, dass es reine Boshaftigkeit ist, da ich genau weiß, dass du der einzige Mensch bist, der selbst mit Sporen völlig lautlos sein kann, vorausgesetzt, du willst es sein.“

Alcédo verbeugte sich leicht spöttisch vor Melas. „Du kennst mich, Lord, ich mag es überhaupt nicht, wenn man mich vom Schlachtfeld abberuft, zumal wir kurz vor einem entscheidenden Durchbruch standen.“

Melas deutete mit einer lässigen Handbewegung auf einen bequemen Sessel ihm gegenüber. Obwohl er bereits über fünfzig Jahre und somit fast doppelt so alt war wie Alcédo, war er noch immer eine stattliche Erscheinung. Ihn umgab ein Hauch von Macht wie Paidarion selbst, und doch besaß er eine Fähigkeit, die sie nicht hatte, das Charisma, Massen zu begeistern.

Alcédo respektierte, ja fürchtete man, Melas Eidolos hingegen betete man an, liebte ihn gar mehr als das eigene Leben. Er war der Mann, der allen im Reich ein Gesetz gegeben hatte, ob arm oder reich. Seine unerbittliche Strenge wurde geliebt, denn sie war nie wankelmütig oder von persönlichen Vorlieben für Arete oder Priesterkaste geprägt.

Sein Eroberungsfeldzug brachte Reichtum für jedermann und wer in seinen Diensten auf dem Schlachtfeld fiel, konnte sicher sein, dass seine Familie nicht hungern würde.

In Aqutart gab es keinen Hunger.

Melas war fast so hochgewachsen wie Alcédo, ein breit gebauter, muskulöser Mann, dem man seine lange Erfahrung als Krieger auf dem Schlachtfeld ansah. Einst war er selbst Großmeister des Schwertzirkels von D’akon gewesen und es gab auch jetzt nur eine einzige Schwertkämpferin, die ihn besiegen konnte, und das war Alcédo.

Dennoch, Melas fühlte sein Alter, er beneidete Alcédo um ihre Jugend und den Hauch der Unbesiegbarkeit, der sie umgab.

Sein aristokratisches Gesicht war attraktiv, das einstmals schwarze Haar bis auf einige wenige Strähnen reinem Weiß gewichen. Augen von durchdringendem Dunkelblau beherrschten sein Gesicht. Warme Augen, die nie kalt wirkten, Augen, die Melas’ Selbst perfekt verschleierten, denn er war ein kalter und logisch kalkulierender Mann, nur deshalb lebte er noch und war kurz davor, ganz Asharan zu beherrschen.

Melas Eidolos hatte das Charisma eines Anführers und den kühlen Intellekt eines Gelehrten. Er trug ein loses, weißes Gewand und nur die großen Siegelringe wiesen ihn als den mächtigen Herrscher Aqutarts aus.

Alcédo nahm Platz und entledigte sich ihrer Kampfhandschuhe, deren Finger- und Handrücken von aneinandergereihten Metallplättchen besetzt waren, und steckte sie in den Waffengurt.

„Weshalb hast du mich herbefohlen, Melas?“ Sie verschränkte die großen, schmalen, lang gliedrigen Hände, die so viel Kraft verrieten. Allein ihre Körpersprache war unverhohlene Macht und Drohung. Manchmal überlegte Melas, ob es nicht ein Fehler gewesen war, sie am Leben zu lassen. Er hatte einst ihr großes Potential gefühlt und beschlossen, sie nicht zu töten, sondern zu seinem Werkzeug zu machen. Das Kind, welches sie gewesen war, sorgfältig gebrochen, um aus den Bruchstücken ein perfektes Werkzeug zu erschaffen.

Nur war es weit über das herausgewachsen, was Melas beabsichtigt hatte. Er hatte eine loyale Kriegsherrin auf seiner Seite wissen wollen und Alcédo führte seine Armee nur zu erfolgreich. Doch sie war viel zu mächtig geworden, um gefahrlos beseitigt zu werden. Eigentlich war Alcédo keine Gefahr für seinen Thron, er vertraute ihr beinahe, etwas, das er sonst von keinem Menschen behaupten konnte, nicht einmal von seinem eigenen Fleisch und Blut.

Seine Ehefrau Enedra hatte ihm einen Sohn und eine Tochter geschenkt, ehe ihr Intrigenspiel zu gefährlich geworden war. Sie hatte sich nicht damit zufrieden gegeben, die mächtigste Frau im Reich zu sein, sie hatte Melas’ Macht gewollt. Er hatte sie beseitigen lassen und es hatte ihn nicht im Geringsten berührt. Ihre Hochzeit war ein Arrangement gewesen, das seinen Plänen entsprochen hatte. Sie hatte in ihm ebenso ein Werkzeug zur Macht gesehen wie er in ihr. Dass er am Ende schneller und sorgfältiger bei seinem Plan gewesen war, sie zu beseitigen, war Glück und Geschick zugleich.

Sein Sohn war in einer Schlacht um die Eroberung von Baradis gefallen, und seine Tochter, Mitglied des Schwertzirkels von D’akon, lebte nicht weniger mit dem Schatten des Todes als jede Kriegerin.

Melas wollte keinen Erben, der nicht durch die harte Schule des Krieges gegangen war. Der Gedanke, einem Schwächling den Thron des Lordoberpriesters zu überlassen, war ihm zuwider. Selbst wenn seine Tochter Socia fallen sollte, hatte er mehr als genug illegitime Kinder gezeugt, um die Thronfolge zu sichern. Er hatte nicht mehr geheiratet und seine Liebschaften immer strenger Selbstkontrolle unterworfen. Frauen, die niemals Intrigen spinnen oder ihn als ihren Liebhaber benennen würden. Sie waren zufrieden mit dem angenehmen Leben, das Melas ihnen bot, und die Kinder aus diesen Beziehungen führten ebenfalls kein schlechtes Leben, sie erhielten gute Ausbildungen und wurden Krieger, Priester oder Gelehrte.

Melas hatte nur ein einziges Mal eine Liebschaft begonnen, die sich seiner Kontrolle entzogen und mehr mit einem wilden, leidenschaftlicheren Teil seines Selbst zu tun hatte, welchen er fürchtete, und diese Frau saß ihm gegenüber.

 „Du siehst gut aus, Alcédo“, begann er, gleich einem Eröffnungszug in einem Schachspiel. Er bemerkte das Glitzern in ihren Augen, die sich ein wenig in der Farbe verdunkelten. Jede Frau war empfänglich für Schmeicheleien, selbst Alcédo.

In gewisser Weise fühlte sie sich geschmeichelt, aber sie sah seine Worte als das, was sie waren, einen Schachzug. „Du wirst mich kaum gerufen haben, um mir das zu sagen, Melas. Was also willst du?“

Melas lehnte sich zurück und betrachtete Alcédo aus halbgeschlossenen Augen. Was wollte er von ihr? Ein Wunder? Ihre Jugend, ja, das ganz gewiss, er hasste das Altern. Er wünschte sich Macht über sie und das Wissen, warum sie lieber mit seiner Tochter Socia das Bett teilte als mit ihm. Waren ihre Taten von Rachsucht bestimmt? Oder bildete er sich das nur ein?

Er bemerkte das leichte, spöttische Lächeln um ihre Mundwinkel, sie wusste genau, was er dachte. Melas verfluchte augenblicklich diesen Bastard aus Asari- und Schwarzelbenblut und bereute, sie nicht schon als Kind getötet zu haben. Aber wo wäre er jetzt ohne Alcédo? Sie hatte Baradis für ihn erobert und sie war ihm gegenüber völlig loyal. Er brauchte sie, das war die bittere Wahrheit, egal wie sehr er es auch verabscheute, abhängig zu sein.

Melas stand auf und ging zu den Wandkarten. „Komm“, forderte er Alcédo auf. Sie erhob sich und trat an seine Seite.

Melas legte seine Hand auf die Karte, eine durch und durch besitzergreifende Geste. „Asharan gehört schon beinahe mir, nur noch die Elben in Liofar und die Königin von Baradis, Argion von H’aradorn, mit ihren Truppen, stehen zwischen mir und meinem endgültigen Sieg. Es wird Zeit, meinen Traum zu verwirklichen, ehe ich zu alt bin, um noch etwas davon zu haben. Du wirst mit deinem Schwertzirkel und meinen Truppen Lio Afarat, die Elbenhauptstadt, einnehmen.“

Alcédo straffte die Schultern, Zorn regte sich in ihr. „Du willst mich von meinem jetzigen Standort abziehen? Ich dachte, du seist ein Stratege und kein Narr! Du weißt genau, dass ich oben im Norden kurz vor einem Sieg stehe.“

Es gab nicht viele Leute, die so mit Melas zu reden wagten, genau genommen war sie die Einzige, die ihn ungestraft einen Narren nennen durfte und es auch tat.

„Der Sieg im Norden muss warten, die Lage im Süden ist schlecht, du bist im Norden weit vorgedrungen, eine Stellung, die meine Truppen auch leicht ohne dich halten können. Jetzt brauche ich im Süden meine geniale Heerführerin, ich brauche dort einen Sieg.“ In Melas’ Augen wetterleuchtete es, eine Mischung aus Erregung und Gier, die er sich sonst nicht erlaubte zu zeigen. Nur Alcédo kannte diese Seite von ihm.

Alcédo schüttelte den Kopf. „Das wäre taktisch völlig falsch, gib mir noch zwei, drei Monate und ich erobere Lio Afarat vom Norden aus.“

„Du verstehst nicht, Alcédo, unsere Truppen verlieren im Süden. Wer hätte gedacht, dass die friedliebenden Elben dermaßen gute Krieger abgeben.“ Er klang verbittert. Zwar kümmerte es ihn wenig, wie viele seiner Soldaten auf dem Schlachtfeld blieben, Menschenmaterial war einfach zu ersetzen, aber er wurde alt und er wollte endlich die Welt in seiner Hand halten.

Alcédo hatte die letzten Monate gegen die Lichtelben gekämpft. Melas hatte nicht unrecht, sie waren gute Krieger, aber nicht unbezwingbar. „Elbenblut fließt ebenso schnell und rot wie das aller anderen. Wer führt die Armee im Süden?“

„Meine Tochter Socia.“ Er beobachtete Alcédo aus den Augenwinkeln. „Ändert das vielleicht deine Meinung?“

„Keinesfalls, warum sollte das etwas ändern?“ Alcédo war sich durchaus bewusst, worauf Melas anspielte, sie unterschätzte seine Spione keinesfalls.

Melas reckte angriffslustig das Kinn vor. „Man hat mir berichtet, dass meine Tochter zuweilen dein Bett wärmt.“

Ein spöttisches Lächeln huschte über Alcédos Lippen und sie betrachtete weiter die Karte, ohne Melas anzusehen. „Berichten deine Spione auch, wer sonst noch alles mit mir das Bett teilt?“

„Mir ist es völlig gleich, wenn du mit einem deiner Schwertbrüder oder -schwestern das Bett teilst, aber weshalb Socia?“

Alcédo drehte sich zu ihm um. Er fragte sich, ob sie wusste, wie sehr es ihm missfiel, dass sie mit Socia schlief. Seine Tochter war ihm entglitten, eine Kriegerin des Schwertzirkels von D’akon, die wesentlich loyaler zu Alcédo stand als zu ihm selbst. Zudem spürte er Eifersucht, und das missfiel ihm noch mehr. Es war ein Gefühl, das sich seiner Kontrolle entzog, das ihn ängstigte, weil es seinen Plänen zu schaden vermochte.

„Ich mag Socia“, erklärte Alcédo schlicht.

„So wie du mich gemocht hast?“ Melas entzog sich ihrem fragenden Blick, indem er auf die Karte starrte.

Alcédo hob leicht die Augenbrauen. „Was zwischen uns war, Melas, hatte nie etwas mit Verliebtheit zu tun. Es war Macht, nicht mehr und nicht weniger. Macht über dich. Du wolltest mich aus demselben Machtgefühl heraus wie ich dich, du wolltest mich besitzen, zudem war ich eine gefährliche Abwechslung zu deinen sonstigen Liebschaften. Das hatte nichts mit Zuneigung zu tun, es war nur ein gegenseitiges Kräftemessen.“

Melas dachte darüber nach. Natürlich musste er Alcédo recht geben, und anscheinend fühlte sie sich als Siegerin in diesem einem Zusammentreffen, welches nie eine Wiederholung erfahren hatte. „Jetzt hast du Macht über Socia. Willst du sie gegen mich aufhetzen?“

Alcédo schüttelte den Kopf und blickte ihn kühl an. „Weshalb denkst du, dass ich gegen dich bin? Ich mag Socia, sie ist sensibler, als es für eine Kriegerin gut ist. Sie weiß noch, wie man ein Herz wärmen kann, selbst eines, das so kalt ist wie das meine. Wie gesagt, es ist völlig anders als zwischen uns.“

Melas nickte unwirsch, er wollte dieses Thema nicht weiter verfolgen. Alcédo war Großmeisterin des Schwertzirkels von D’akon und Socia ihr gegenüber eidgebunden, schon allein deshalb hatte sie Macht über seine Tochter.

Weshalb dachte er, dass Alcédo gegen ihn war? Lag es daran, dass er sich nur zu gut an einen Tag vor siebzehn Jahren erinnern konnte? Er hatte den Schnee und die Kälte nie vergessen, auch nicht die Schreie und das Blut, das so rot auf dem weißen Schnee glitzerte.

Sie hatten die Asari ausgerottet. Seine Aqutarttruppen und die Soldaten der Baradis. Eigentlich war er den Asari gegenüber nicht übel gesinnt, ein Volk, dessen Ehrbegriffe Melas durchaus würdigte. Ein kriegerisches Volk, das es verstanden hatte zu kämpfen, doch sie waren zu wenige gewesen, um zu bestehen.

Melas hatte schon damals geplant, Baradis zu erobern, und wie konnte man den künftigen Gegner besser auskundschaften als in einem gemeinsamen Feldzug? Dort hatte er die militärischen Stärken und Schwächen der Baradis kennengelernt.

Sie hatten die Asari erbarmungslos niedergemetzelt, alle, deren sie habhaft wurden, Männer, Frauen und Kinder fielen den Schwertern der Baradis- und Aqutarttruppen zum Opfer, alle bis auf ein Kind.

Melas war damals selbst noch in den Kampf geritten, und der Mut der Asari hatte ihn fasziniert. Ein starkes Volk, bei dem es noch genug Rassenmerkmale der legendären Schwarzelben gab. Er hatte gegen ein Mädchen gekämpft, das nicht älter als zwölf sein konnte und trotzdem eine furchterregende Gegnerin gewesen war, mit nichts bewaffnet als einer Kampfaxt, die sie aus der Hand eines Toten gewunden hatte.

Melas hatte gesiegt, aber das Kind am Leben gelassen, mehr noch, er hatte das Mädchen mitgenommen in seinen Palast, wo er begann, sie zu seinem Werkzeug zu formen.

Alcédo Paidarion, wie er sie nannte, lernte sehr schnell, durch Prügeln, drakonische Strenge und Appelle an ihre Vernunft. Melas bildete sich ein, ihren Willen gebrochen zu haben, aber manchmal zweifelte er daran. Was, wenn sie ihn für den Untergang ihres Volkes hasste? Würde sie eines Tages auf Rache sinnen, oder hatte sie tatsächlich die Wurzeln ihrer Herkunft vergessen, beiseitegelegt, für immer?

„Du wirst mit deinem Schwertzirkel nach Lio Afarat einrücken, vom bedrohten Süden aus. So wie ich dich kenne, Paidarion, wird die Hauptstadt der Elben in spätestens zwei Monaten gefallen sein.“ Seine Stimme duldete keinen Widerspruch, und Alcédo neigte leicht den Kopf. Melas war der Herrscher, seinen Befehlen musste sie gehorchen.

„Wie du willst, Melas.“ Ihr Tonfall war neutral und verriet nichts von ihren Gedanken.

Melas straffte sich und nickte kalt. „Wie ich befehle, Paidarion!“

Alcédo lächelte spöttisch. Er brauchte es nicht zu betonen, der Befehl war klar und sie würde ihn befolgen. Manchmal wunderte es sie, wie viel Angst Melas vor ihr hatte. Ob er wirklich noch immer nicht begriffen hatte, dass sie ein Mitglied des Schwertzirkels von D’akon war und ihre Asarivergangenheit etwas Schemenhaftes, weit Entferntes? Natürlich würde sie auch vom Süden aus in spätestens zwei Monaten die Hauptstadt der Lichtelben erobert haben, daran zweifelte sie keinen Augenblick.

 

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