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Finsternis über Asharan

 

Gefangen hinter dem schwarzen Wall, wohin die Finsteren einst von Menschen, Elben und Asari verbannt wurden, wartet Fürst Caligo auf den Tag, an dem er das zeitlose Gefängnis zerschmettern kann. Der Tag seiner Rache scheint nahe, denn ganz Asharan befindet sich im Krieg.

Die Macht der Götter, die einst gegen ihn standen, schwindet, da der Glaube der Menschen im Wandel der Zeit sich anderen, neuen Göttern zugewandt hat.

Melas Eidolos, Herrscher über Aqutart, versucht mit Hilfe seiner mächtigen Heerführerin Alcédo, Asharan zu erobern. Sein Sieg wäre gleichbedeutend mit der Auslöschung der Elben und all jener, die dem alten Glauben anhängen, oder sich weigern, sich ihm bedingungslos zu unterwerfen.

Gerade als er sich seinem Ziel nahe sieht, in der entscheidenden Schlacht, bei der die Rebellen bereits geschlagen sind, bricht der schwarze Wall, und die Finsteren entkommen ihrem Gefängnis.

Durch ihren Hass und den Wunsch nach Rache an all jenen, die sie einst verbannten, wird ein neuer Krieg entfesselt, der die einstigen Feinde zu einem Bündnis zwingt.

Da die Finsteren über die alte Magie verfügen und ihre Zauberkräfte sie in der Schlacht übermächtig machen, bleibt den unwilligen Verbündeten nur noch, selbst nach dem alten Zauber zu suchen.

Alcédo, eine der letzten Asari, Charis, Tochter des Elbenheerführers, sowie Argion von H´aradorn, Anführerin der gegen Melas rebellierenden Menschen, werden ausgewählt, die alten Götter zu suchen, um von ihnen übermenschliche Macht zu erlangen.

Die drei Auserwählten machen sich auf den gefahrvollen Weg, doch die Götter haben viel von ihrer Macht eingebüßt und es ist ungewiss, ob die Kräfte, die sie ihren Erwählten verleihen, genügen, um gegen die Macht der Finsteren zu bestehen.

Im Schmelztiegel des Krieges, mit all seiner Grausamkeit und all seinem Leid, werden aus den einstigen Feindinnen Freundinnen.

Doch auch in den Reihen der Finsteren selbst regen sich Zweifel an dem grausamen Weg, den Fürst Caligo geht.

Acies, die Heerführerin der Finsteren, findet sich im Strudel dieses Krieges wieder. Eigentlich vom Schicksal und durch Liebe an Caligo gebunden, muss sie ihren eigenen Weg finden und ihrem Gewissen folgen.

Im Sturm von Liebe, Freundschaft, Hass und Verrat und der Suche nach längst vergangenen Werten und Göttern findet jeder sein persönliches Schicksal, und sei es auch der Tod ...

 

 

Prolog

 

Das Unheil verkündende Geräusch des Eissturmes, der die mächtigen Kiefern und Tannen bog, hallte in den tiefen Schluchten des kalten Landes wider. Aber das Holz der dunklen Tannen, Kiefern und anderen Nadelbäume war stark und biegsam, genau wie eine gute Schwertklinge und die Menschen, die dieses Land hervorgebracht hatte.

Nichts konnte sie brechen, weder Schnee noch Eisstürme. Versuchte man die Bäume des kalten Landes zu fällen, sprang die Axt zurück, als habe man auf Stein geschlagen statt auf Holz.

Die acht Asari, Pelzjäger und Bewohner dieses so rau erscheinenden Landes, drängten sich dicht um die kleine Feuerstelle, obwohl das Zelt aus Rentier- und Elchleder viel Platz bot.

Sie blickten dem Rauch nach, der durch das Loch an der Zeltspitze entwich und sich gen Sternenhimmel schlängelte. Es war kalt, man spürte die Nähe der großen Eisgletscher, bald schon würde es Schnee geben. Füchse, Hasen und Hermelin trugen bereits das weiße Schneefell, sogar Wölfe hatte die kleine Jagdgruppe bereits gesehen.

Selbst die großen Schneeraubkatzen, die eigentlich im ewigen Eis hausten, waren von zwei Jungjägern gesichtet worden. Es war ein gutes Omen, diesen Tieren, die von den Asari als heilige Totemtiere verehrt wurden, zu begegnen. Es versprach einen guten Jagderfolg für die kleine Gruppe und persönliches Glück für die beiden jungen Jäger.

Die Schneekatzen waren ein Teil ihres Glaubens. Nie würde ein Asari eine Waffe gegen sie richten, denn die Asari glaubten, dass die Seelen der Verstorbenen in den mächtigen Raubtieren wiedergeboren wurden.

Die acht Jäger trugen alle festes Rentierleder und verschiedene Pelze. Sie waren die Kälte und den Schnee gewöhnt, und die Kleidung war mehr Ausdruck persönlichen Geschmacks und Jagderfolges denn Schutz gegen die eisigen Temperaturen.

Jeder einzelne von ihnen war seit frühester Jugend in Seen geschwommen, die nie gänzlich ihre Eisschicht verloren. Je erfolgreicher die Jägerin oder der Jäger war, desto edler waren Leder und die Pelze, die sie oder er trug.

Die Bögen der Jäger waren sorgfältig in Tücher gewickelt, so dass weder Kälte noch Nässe die Sehnen oder das Holz verziehen konnten. Die meisten von ihnen benutzten kurze Jagdbögen, nur zwei der alten, erfahrenen Jäger trugen die Langbögen der Elben, deren Sehnen dreifach gespannt waren und mit denen nur ein erstklassiger Bogenschütze umzugehen verstand.

Die Jäger plauderten fröhlich miteinander. Es gab keine bestimmte Rangordnung unter ihnen, sah man von der ab, die das Leben selbst festlegte.

Wenn die alten, erfahrenen Jäger einen Rat oder eine Warnung für die Jungen hatten, befolgten diese den Ratschlag nur zu begierig.

Das kalte Land hatte seine eigenen Regeln, um mit Quertreibern und Störenfrieden fertigzuwerden – ein ebenso endgültiger Weg wie für die Schwachen.

Es war ein Land, das keine Schwächen duldete oder Fehler. Niemand, der das Jugendalter erreichte, war schwach oder so unklug, die Alten nicht zu respektieren.

Die kleine Jagdgruppe bestand aus vier Jungjägern, die ihre Erstjagd nach den Riten der Erwachsenen absolvierten, und vier älteren, erfahrenen Jägern, die darauf achteten, dass die Jungen diesen ersten Ausflug ins Erwachsenenalter überlebten.

Das Geschlecht der Jäger spielte bei den Asari keine Rolle, allein das Können war von Bedeutung. Keiner der jungen Männer wäre auf die Idee gekommen, die alte Jägerin mit dem Elbenbogen zu verspotten, obwohl sie inzwischen so alt war, dass sie eigentlich nicht mehr auf die Jagd gehen musste. Ihr Familienclan war so weitschweifig, dass sie ein ruhiges Leben hätte führen können, versorgt von ihren Kindern und Unmengen von Enkeln. Aber die schlichte Wahrheit war, dass die alte Eleein die beste Jägerin war und ihr die Jagd viel zu viel Spaß bereitete, als dass sie sie aufgegeben hätte.

Die vier Jungen lauschten ergeben jedem Wort von Eleein. Hin und wieder ließ sie ein freundliches, faltiges Lächeln auf ihrer Urenkelin ruhen, die zu den vier Jungjägern zählte.

Der Sturm beutelte das Zelt, und die Jungen blickten erschrocken auf, als sie das Klirren von Eissplittern auf den Zeltwänden hörten.

„Eine schlimme Nacht“, meinte Tork ruhig, während er Trockenfleisch abschnitt und in seinem heißen Tee einweichte.

Eleein grinste, wobei sie trotz ihres Alters ein makelloses Gebiss zeigte.

„Mach unseren Küken keine Angst, Tork.“ Die Jungen protestierten halbherzig, keiner war älter als fünfzehn und sie hatten tatsächlich ein wenig Angst.

Es war ein wilder Sturm und ohne schützende Felswand barg er eine tödliche Gefahr. Solche Stürme konnten Zelte, die falsch aufgestellt waren, zerfetzen und alle, die darin saßen, ebenfalls.

Aber natürlich hatten die erfahrenen Jäger diesen Lagerplatz sorgfältig ausgewählt.

Der mit einem Rentierleder verhängte Zelteingang wurde aufgerissen und alle vier Jungjäger griffen nach ihren Messern und Schwertern. Die Alten lächelten einander zu, sie hatten die Schritte vor dem Zelt bereits gehört, trotz des heulenden Windes.

Der Mann, der in das Zelt trat, war groß und von Kopf bis Fuß in einen schwarzen Mantel gehüllt. Die Kapuze war so tief ins Gesicht gezogen, dass man nichts von seinen Gesichtszügen erkennen konnte.

„Darf ein müder Wanderer um einen Platz am Feuer bitten?“ Seine Stimme war machtvoll wie der Sturm, uralt und eisig wie der Nordwind.

Die Jungen rückten fröstelnd zusammen, während die Älteren zu Eleein blickten. Ihr stand es zu, ein Gastrecht auszusprechen oder es zu verweigern.

Bei den Asari war das Wort der Ältesten Gesetz, denn sie lebten schon länger in dieser kalten Welt und kannten die Gefahren und Schönheiten des Landes besser als jeder andere.

„Sei unser Gast, Wanderer!“

Die Gestalt verbeugte sich höflich vor Eleein. „Mir scheint, als seien wir uns schon einmal begegnet.“

Eleein nickte ernst. „Vor vielen Jahren, Wanderer.“

Unter der Kapuze konnte man ein Lächeln erahnen. „Du hast auf anderen Besuch gehofft?“

Eleein legte den Kopf schief. „Bei dieser Art Sturm sind manchmal auch andere Wanderer an unser Feuer gekommen, aber du bist uns willkommen. Setz dich zu uns.“

Der Wanderer nahm neben Eleein Platz. Er blickte zu den vier Jungjägern, die ihm gegenüber saßen und nicht begriffen, was sich zwischen Eleein und dem Fremden abspielte.

„Das letzte Mal saßt du auf der anderen Seite“, meinte der Wanderer langsam und mit einer unbestimmten Trauer in seiner tiefen Stimme.

„Die Zeit fließt schnell, Wanderer.“

Der unheimliche Gast schüttelte wehmütig den verhüllten Kapuzenkopf. „Nicht immer, Asari. Gibt es für einen Wanderer Tee und Trockenfleisch?“

Eleein nickte. „Du kennst unsere Bräuche: Essen und Trinken an unserem wärmenden Feuer für eine Geschichte.“

Der Wanderer hob die Schultern mit einer vagen Geste. „Die du bereits kennst.“

„Das macht nichts, es ist eine Ehre, sie vor meinem Tod noch einmal zu hören.“ Eleeins Stimme verriet keine Ehrerbietung, doch zollte sie dem unheimlichen Wanderer ohne Zweifel Respekt.

Der Wanderer schien erstaunt. „Selbst aus meinem Munde?“

Eleein goss den Tee auf und reichte den Becher dem unheimlichen Gast. „Die Vergangenheit kann man nicht ändern“, erklärte sie schlicht, eine Wahrheit, die das kalte Land schnell lehrte.

Der Wanderer nahm den Becher. Seine linke Hand war in Lumpen gehüllt, doch man sah deutlich, dass einst vor langer Zeit ein Schwert oder eine Axt alle Finger bis zum Mittelglied abgetrennt hatte.

„Eine Geschichte, ja.“ Seine machtvolle Stimme senkte sich ein wenig, doch dadurch wirkte sie noch intensiver. Er nippte am Tee und tauchte das angebotene Trockenfleisch ein, das ihm Tork ehrfürchtig reichte.

„Am Anfang schufen die drei Götter die Welt, Tiere und Pflanzen, und es war gut.“ Die Stimme des Fremden erfüllte laut und volltönend das Zelt.

Eleein klopfte zufrieden über den rituellen Beginn der Erzählung mit dem Griff ihres Schwertes auf den Boden.

„Dann schufen die Götter die drei Rassen, Elben, Menschen und Finstere, und erhoben sie zu den Herrschern über die Welt Asharan. Laut dem Gebot der Götter teilten diese friedlich das Land, bauten Dörfer, Städte und Tempel, um den Göttern zu huldigen.

Avara, Göttin des Lichtes und des Lebens, die als sterbliche Frau durch das Elbenland Liofar wandelte, um zu erfahren, wie Sterbliche leben, lieben und das Licht in ihren Herzen tragen.

Skopos, Gott der Finsternis und des Todes, stets an den Orten, wo das Leben erlischt. In jeder Schlacht der Schatten des Kämpfers, bei jedem Pfeilschuss der Wind, der den Pfeil trägt. Der finstere Bruder des Lichtes, in den kalten Nächten zu finden, wo der Tod ans Tor klopft. Gnadenlos, aber unerbittlich in seiner Gerechtigkeit. Kein Leben erlischt, ohne Platz für ein neues zu schaffen.

Und Nemia, ihre Tochter, Göttin des Waldes und der Jagd. Von Licht und Schatten geprägt, wilde Jägerin und fürsorgliche Wildhüterin. Bringerin des Wildbrets für die Menschen und Mörderin derselben, in kalten Nächten, wenn grimmige Eber sich gegen ihre Jäger stellen. Unberechenbar wie eine mondlose Nacht, wie ein trügerischer Hauch von Frühling an Wintertagen, der dazu verleitet, unvorsichtig zu werden, und Jäger und Händler in den eisigen Tod des Erfrierens treibt. Nemia, die bei all ihrem Wandel der Lauf der Natur ist, stets im Gleichgewicht, egal, wie grausam es den Sterblichen auch erscheinen mag.“

Der alte Wanderer stockte kurz, als müsse er seine Worte abwägen, ehe er fortfuhr: „Es war ein langes, friedvolles Zeitalter, als die Götter über diese Welt wandelten und ihr Gesetz in den Herzen der Menschen, Finsteren und Elben wohnte.

Doch die Götter zogen sich im Lauf der Zeit zurück. Ihrer Schöpfung müde geworden, dachten sie, ihre Kinder seien reif dazu, über Asharan und alles Leben darauf selbst zu bestimmen. Sie griffen nun nicht mehr in die Geschicke der Sterblichen ein.

Doch damit war das goldene Zeitalter des Friedens dahin, Hass und Missgunst bemächtigten sich der Rassen.

Die Menschen griffen die Finsteren an, um ihren Landbesitz zu vergrößern, und vertrieben die zahlenmäßig unterlegenen Finsteren aus ihren angestammten Gebieten.

Die Finsteren, die ihre Abstammung direkt von Skopos ableiten konnten und denen deshalb Angst entgegenschlug, suchten daher nach neuen Siedlungsgebieten. Doch wohin sich die Finsteren auch wandten, machtvolle Kinder eines grimmigen Gottes, stießen sie auf Ablehnung und Hass. Keine Rasse wollte ihr Land und ihren Reichtum mit ihnen teilen. So schworen die Finsteren schließlich blutige Rache und richteten furchtbare Massaker unter Menschen und Elben an.

Die Elben hatten sich im Laufe der Jahre in zwei Rassen geteilt, wobei sich die sanftmütigen, hellhaarigen Bewohner der Küste und des Südens Lichtelben und die wilden, dunkelhaarigen Krieger des Nordens Schwarzelben nannten.

Im Laufe der langen Kämpfe, in denen Menschen gegen Elben, Menschen gegen Menschen, Elben gegen Elben kämpften und sie alle gegen die Finsteren, floss so viel Blut, dass die Erde selbst aufschrie und die Götter aus ihrem Schlaf weckte.

Zorn erfüllt über die Werke ihrer Schöpfung, über die Angst, die Missgunst und das kleinliche Territorialstreben, schufen die Götter furchtbare Erdbeben und Sturmfluten, bis alle Überlebenden die Waffen niederlegten und auf den Knien die Götter um Gnade anflehten.

Gnade, die man gewährte, doch das Vertrauen der Götter in ihre Schöpfung war dahin. So verbannten sie die wildesten, unversöhnlichsten Kämpfer, die das Schwert nicht freiwillig ablegen wollten, in das kalte Land, wo die großen Eisgletscher herrschten, um neue Kriege zu verhindern.

Die Schwarzelben weigerten sich, ihr kriegerisches Leben aufzugeben, und gingen freiwillig in das kalte Exil.

Die Finsteren bekamen ihre angestammten Gebiete zurück, doch der Stachel des Hasses stak in den Herzen jener, die in diesem Krieg gestritten hatten.

Es war ein Frieden der Götter, kein Frieden der Herzen.

Im kalten Land, zu nahe an den Eisgletschern, um Landwirtschaft zu betreiben, fanden sich die überlebenden Krieger aller Rassen in einem lebensfeindlichen Land wieder.

Der Kampf um das tägliche Überleben führte schnell dazu, dass sich alter Hass im Schmelztiegel des Lebens verlor. Skopos, der in den Kriegern seine Kinder fand, Jäger, die er in ihrer Wildheit und ihrem Kampfesmut liebte, half ihnen, die Gesetze des kalten Landes zu erlernen.

Die Krieger lernten als Nomaden durch das kalte Land zu ziehen, als Pelzjäger und Sammler. Alte Rassenverbände lösten sich auf, und in den Clanverbänden, die sich fanden, mischten Schwarzelben, Menschen und gar Finstere ihr Blut, woraus eine neue Rasse entstand, die Asari.

Die Asari beteten zu Skopos, der immer der Schatten der Krieger gewesen war, die Lichtelben zu Avara und die Menschen zu Nemia – nur die Finsteren beteten nicht mehr.“

In der Stimme des Wanderers schien ein Funken Verständnis für die Finsteren zu liegen, als er grimmig fortfuhr. „Der Friede währte nicht lange, die Götter waren müde und ihre Kraft fast verbraucht.

In den wilden Tagen der Schöpfung, als die Welt noch neu war und die Götter mitten unter den Menschen, Finsteren und Elben wandelten, nahmen sich Skopos wie Avara sterbliche Geliebte und mischten ihr Blut mit Auserwählten.

Skopos, der besonderen Gefallen an den Finsteren fand, die ihn in wilden Festen mit Blut und Tod feierten, band seine Macht und sein Blut an diese Rasse, die er nach seinem Bildnis geschaffen hatte. So waren die Finsteren von jeher machtvoller als Mensch oder Elb, und somit schlug ihnen auch mehr Misstrauen entgegen.

Die Finsteren, mehr und mehr die Paria Asharans, verfolgt und gehasst von Menschen und Elben, verloren schließlich ihren Glauben an Skopos, da sie sein Versprechen, einen angestammten, unverrückbaren Platz im Gefüge Asharans einzunehmen, gebrochen sahen. Da sie sich nicht mehr gebunden an die Gesetze der Götter fühlten und noch weniger an die der Elben und Menschen, schickten sie sich an, ganz Asharan zu unterwerfen. Sie entdeckten die Macht ihres Blutes und mit ihren Zauberkräften, Erbe ihres dunklen Vaters, waren sie fast unbesiegbar.

Die Götter wählten schließlich drei Vertreter der anderen Rassen aus, Arell, eine Lichtelbin, Sodalis, einen Menschen, und Do’gal, einen Asari, um die Finsteren zu besiegen.

Sie gaben den Sterblichen gewaltige Macht und jeder Gott machte einen der Sterblichen zum direkten Vermittler seiner Kraft.

Gemeinsam schlugen diese von den Göttern Erwählten die Finsteren und trieben sie bis zum Rand der Welt, wo sie einen furchtbaren Zauber wirkten, der die Finsteren hinter den schwarzen Wall bannte.

Gefangen in zeitloser Dunkelheit, nicht lebend, nicht tot.

Es folgten friedliche Jahrhunderte, in denen es nur zu kleineren Grenzstreitigkeiten kam. Die verbliebenen Rassen Asharans bauten ihre Königreiche aus, die Menschen in Baradis und Aqutart, welches mit seinem fruchtbaren Land ein angenehmes Leben ermöglichte, ohne Angst vor Hungersnot. Landwirtschaft und Handwerk gediehen hier, aber auch der Wunsch nach noch mehr Land und Reichtum wohnte im Herzen der Herrscher.

Die Elben in Liofar übten sich in den schönen Künsten, vom sonnigen Süden verwöhnt. Was die Ernte anging, wurde ihr Leben nicht vom Kampf um das tägliche Brot bestimmt, und, zahlenmäßig geringer als Menschen, suchten sie auch keine neuen Gebiete, um sich anzusiedeln.

Die Asari in ihrem rauen, kalten Land kümmerten sich nicht um die Geschicke der anderen Völker, wild und stolz lebten sie ihr Nomadenleben.

Sie alle beteten zu ihren Göttern, die im Kampf gegen die Finsteren den Sieg ermöglicht hatten. Doch im Laufe der Zeit verlor sich die Erinnerung an die Kämpfe gegen die Finsteren und das Wirken der Götter.

Die Lichtelben beteten weiterhin zu Avara, so wie die Asari zu Skopos, doch die Menschen verloren ihren Glauben, und die Tempel blieben verlassen.

Neue Glaubensrichtungen bildeten sich, Sterbliche erhoben sich zu Göttern und wurden wieder gestürzt. In dieser Zeit erhob sich unter einigen Menschen der Glaube an D’akon, einen Gott, der in Visionen erschienen war und ihnen die Selbstbestimmung über ihr Handeln gab, solange sie ihn anbeteten und den Glauben unter den Menschen verbreiteten, sei es auch durch das Schwert.

Dieser neue Glauben ängstigte viele der menschlichen Herrscher, da die Anhänger D’akons nicht länger die angestammten Erbrechte des Adels anerkannten und sich mehr ihrem Gewissen und ihrer Religion unterworfen sahen, statt den weltlichen Mächten. Daher verfolgte man gnadenlos die Anhänger dieses neuen Glaubens, folterte sie und vernichtete sie, wo immer man sie fand.

So flohen die Überlebenden in abgeschiedene Gegenden Aqutarts, wo sie eine Festung aus schwarzem Stein errichteten und den Orden des Schwertzirkels von D’akon bildeten. Eine Kriegerkaste, geschaffen um ihren Glauben zu verteidigen und die Mitglieder des Ordens zu schützen.

Die Asari im Norden hatten ihre eigenen Gesetze, sie beteten zu Skopos, dem Tod, und brachten diesen auch, als plündernde Banden, in das Land Baradis.“

Einer der jungen Jäger unterbrach die Erzählung des Wanderers schroff. „Wir waren niemals Diebe!“

Der unheimliche Gast schien nicht wütend über diese Störung, seine Stimme blieb ruhig, aber in ihr schwang ein machtvoller Unterton, der anzeigte, dass er keine weiteren Störungen dulden würde. „Es waren andere Asari, wilder und unberechenbarer, als ihr es seid. Sie mordeten und plünderten zum Zeitvertreib und wurden von den Menschen, die an den Grenzen des kalten Landes lebten, gefürchtet und gehasst. Doch der Untergang dieser Asari war bereits eine drohende Wolke am Horizont.

Ein junger Mann, hervorgegangen aus dem Orden des Schwertzirkels von D’akon und dessen Großmeister, eroberte mit einer kleinen Armee Aqutart und krönte sich zum Herrscher. Als Oberpriester D’akons unterwarf er das Reich und begeistert folgte man dem jungen, charismatischen Melas Eidolos, gab er den Menschen doch einen neuen Glauben und ein Ziel.

Aqutart, dessen Herrschergeschlecht von Inzucht und Korruption geschwächt war und dessen Willkür die Menschen aufgebracht hatte, war ein perfektes Ziel für den jungen Heerführer. Hier sah er eine Basis, Macht zu erlangen, ein unzufriedenes Volk, dem er wieder gerechte und starke Gesetze geben konnte und einen neuen Gott, etwas, woran die Menschen glauben konnten, und Melas wusste um die Natur seiner Rasse, sie wollten alle an etwas glauben.

Er gab ihnen neue Gesetze, die auch für den Adel galten, und sicherte sich damit die Liebe der breiten Masse. Da er wusste, dass man mit Hass und Angst einen mächtigen Verbündeten in der Hand hatte, gab er den Menschen von Aqutart auch etwas, um es zu hassen.

Bald loderten die Scheiterhaufen. Ungläubige und Fremdrassige wie Elben und Asari wurden überall im Lande verbrannt. Aqutart und Baradis, welches ebenfalls nach Macht strebte, verbündeten sich mit Melas gegen die Asari und gemeinsam rotteten sie diese Rasse nahezu aus.

Die Schwarzelben, ohnehin zahlenmäßig gering, verschwanden vom Antlitz Asharans. Aber Melas Eidolos hatte größere Pläne, als nur die Asari auszurotten, er stellte ein Heer gegen seine einstigen Verbündeten und eroberte Baradis mit Hilfe seiner neuen Großmeisterin des Schwertzirkels von D’akon, Alcédo Paidarion.

Baradis’ König fiel in den Schlachten, die folgten, und seine junge, temperamentvolle Tochter Argion von H’aradorn übernahm zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Sodalis die Führung der Truppen.

Doch Melas’ ausgeklügeltem strategischem Geschick und der fast mystisch anmutenden Macht seiner Heerführerin Paidarion hatten die in Schlachten unerfahrenen Erben des Königreichs nichts entgegenzusetzen. So mussten sie mit den Resten ihrer geschlagenen Armee ins Elbenland Liofar fliehen. Die Elben gewährten ihnen Asyl, da ihr Führer, Rakon Selas, den Weitblick besaß zu wissen, dass in Melas Eidolos’ Plänen Baradis nur ein Stein in seinem Spiel war und er nach mehr strebte. Gemeinsam mit den aus Baradis geflohenen Menschen organisierten sie sich gegen das nun drohend anrückende Heer der Aqutart.“

Der alte Mann schwieg so lange, dass die jungen Jäger sich unruhig bewegten und Eleein fragende Blicke zuwarfen, die jedoch nur den Zeigefinger auf die Lippen legte und damit die Jungen anwies zu schweigen. Mit einem Seufzen, in das die Last von Jahrtausenden gewoben war, setzte der alte Wanderer wieder an: „Keiner von ihnen ahnte, dass der schwarze Wall kein unbezwingbares Bollwerk mehr war, und dass die Finsteren, in diesem Zeitalter nur noch Mythos und Legende, nach ihrer Freiheit dürsteten und nach Rache.“

 

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